La Brass Banda an der Autobahn

Merklingen zappelt unter bayuvarischem Brassbandlerbumms

 

Es ist Acht Uhr Abends, das sonst eher wegen der vielen Schuttlaster auf seinen Straßenauffällige Merklingen hat sich am Ortsausgang nach Scharenstetten wochenends einen schmucken Festplatz erbaut. Genauer gesagt haben die Jungs und Mädels von der Kulturgemeinschaft Merklingen, mit dem Partywochenende, eröffnet durch die

weltmännischen Blasmusiker „La Brass Banda, 2017 einen großen Coup gelandet. Anders als damals bei der Gründung 2011 zum 1150 jährigen Jubiläum ihres Albdorfes, als sie mit ihrer Initiative für ein Ochsenrennen gescheitert sind. Willi der langhaarige und gepiercte Kulturschaffer erzählt, „2011 wurde ein Kaltblüterrennen draus und dieses Wochenende gibt es Freitags Volxmusik von Welt und samstags 90er Jahre vom virtuosen Beschallungskünstler“.

Gute Stimmung aus dem Outback

Im Hintergrund tönt es geschmeidig zu dem gütigen Sommerabend, und seinen pittoresk gezeichneten Schönwetterwolkenschäumen passend. Reaggaemäßig, die Vokals erinnern sanft und erotisierend an Patrice.La Brass Banda erfahren wir vermittels einer Recherche, die den Postbauernhaufen schon persönlicher werden lässt, sind seit Monaten in der ganzen Welt mit Caravana Sun  aus Australien unterwegs. Die Sonne scheint wie ein Mädchenlachen, welches in die Augen den langhaarigen Radio-Sängers fällt. Dem wiederum scheint Sol so oder so aus dem Arsch. Ein Fremdeln mit dem Getränkekartensystem bei der ersten Gaumennachfeuchtung, löst sich bei wenig Schlangen und viel fröhlichem Fluss in spritziges Wohlgefallen auf. Die Band,die wie die sieben Bayern barfuß auftritt zeigt, La Brass Banda sind nicht eine Ex-Rocker Cover-Band, die sich aus Verwertungszwang in die lukrativen Lederhosen zwängt, sondern die sieben, sind wenn auch keine Schwaben, so doch Zugpferde eines innovartiven(Vorsicht harte Wortschöpfung) Weltbühnen öffnenden Musikamalgams. Willi und seine Mannen, die das Gelände unter anderem mit einem US-Militär Trick Oldtimer ästhetisiert haben, hatten sich schon 2013 für die Bierzelttour bei den brassifizierten Speedbläsern mit viel Rhythmus- und Tanzbodenzentrifugalkraft beworben. Die Brass-Bande auf Welttournee mit ihrem aktuellen Album „Around the World“ hatten die genehmen Typen der Kulturgemeinschaft damals schon für ein Aufspiel erkoren und bedanken sich auch heute für das schöne Bierzelt.

Aber sicher: Ein guter Security kann tanzen

Ein paradiesvogelhaft aussehender Langhaardude erklärt mir sein in Türkis gehaltenes Gewand sei aus Sansibar, er habe aber weder Fernseher noch Internet und deshalb wolle er auch nicht in das technokratische Kontrollregime eingefilmt werden. Im Publikum wogt eine vielfarbige Mischung aus ansprechbaren Normalos, und knackigen bis erregenden Dirndel und Dialektvariationen des Süddeutschen, auch hier stechen türkise Posttraditionalkluften heraus, Stichwort Claudi. Tanja, eine Altbekannte, liefert nach dem brachial abgefeuerten Gassenhauer „Autobahn“ Hintergründe zum weltverkleinernden Charme unverständlicher onomatopoetischer bayrischer Klangfarbenmalerei. „Ich weiß nicht wie oft ich sie gesehen habe, demletzt war ich in Honululu, da waren sie auch und die Leute tanzten wie hier.“ Stefan der kongeniale Erfinder des bayuvarisch getönten Weltskat, der von Roskilde bis zum heimischen Chiemsee schon auf vielen noch größeren Veranstaltungen die Beine in die Lüfte trieb, hat einen mortsspaß und einen geilen eskalationsorientierten Humor. Die Security hier heißt Mozart. All-Ex der mir sofort was vorext, und erklärt er sei ein altvorderer Bierexer meint mit einem Rülpser in der Röhre. „Mozart, ein alter Meister, dass schafft vertrauen.“

Ein Funke Weltungleichförmigkeit?

Es ist wohl ein Funke Weltungleichförmigkeit der das körperwarme, nicht wie auf manchen Parties heiß-kalte Feuer hier entzündet und am Laufen hält. Denn auch Stefan, der moderiert, wie eine erste Trompete, stellt seinen hauseigenen Securitychef mit der Frage vor „Woran erkennt man „an richtig guaden Security?“. Als die sieben Buan für den Sicherheitschef aufspieln beantwortet der verschmitzte Glatzkopf die Frage tänzerisch performativ. Stefan kommentiert für die Blinden. „Daran das er tanzen kann.“ Tanzen tun auch die heidenheimer Muttis auf Auszeit Caren und Kathrin. Kathrins Lieblingssong der Band ist auch Autobahn, obwohl sie Queerflöte spielt und im Gespräch eine wortwitztge Frotzlerin abgiebt. Claudia, die große Rothaarige ist ein Inbild der Dirdlschönheit, am Schluss treffe ich noch Mareike, leider mit ihrem Freund Tim. Ihr, wie sich im Gespräch herausstellt, friesischer Blick elektrisierte mich vorher schon. Die beiden stellen sich wogenglättender Weise als Paar welches zur Mitfreude einläd heraus. Sie sind auf Bullytour, gestehen sich über Tinder kennengelernt zu haben und werden die Tage Tims Schwester besuchen. Mareike hat dem schönen Mann aus Lübeck, der mich an Caramelo Santa, einen argentinischen Stern am Skahimmel erinnert als er das Fanshirt der Band nach dem Konzert anzieht, die Karte zum Geburtstag geschenkt. Die beiden haben mich mit ihrem Bullystyle nach einer sehnsüchtigen Umleitung auf dem Nachhauseweg in die sontheimer Bauwägenwelt und einer nachfolgenden Dusche gemeinsam mit dem reichen Sternenhimmel zum Draußen schlafen animiert. Als ich nach einigem Ringen die samstägliche 90er Party im brassig vorgeheizten merklingerZelt zugunsten einer lieben Freundin aus der Goaszene sausen gelassen habe erinnert diese mich. „Je größer der Dachschaden, desto weiter der Blick auf den Sternenhimmel.“ Wir herzen uns und schauen verträumt in den weiten funkelnden Raum. So schön, das sie schwäbisch spricht. Ein Weltmensch halt, ein bisschen wie gestern die Brassbandler, urgeschmeidig.

 

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An die Freunde

Liebe Freunde, es gab schönre Zeiten,
Als die unsern – Das ist nicht zu streiten!
Und ein edler Volk hat einst gelebt.
Könnte die Geschichte davon schweigen,
Tausend Steine würden redend zeugen,
Die man aus dem Schooß der Erde gräbt.
Doch es ist dahin, es ist verschwunden,
Dieses hochbegünstigte Geschlecht.
Wir, wir leben! Unser sind die Stunden,
Und der Lebende hat Recht.

Freunde, es gibt glücklichere Zonen,
Als das Land, worin wir leidlich wohnen,
Wie der weitgereiste Wandrer spricht.
Aber hat Natur uns viel entzogen,
War die Kunst uns freundlich doch gewogen,
Unser Herz erwarmt an ihrem Licht.
Will der Lorbeer hier sich nicht gewöhnen,
Wird die Myrte unsers Winters Raub,
Grünet doch, die Schläfe zu bekrönen,
Uns der Rebe muntres Laub.

Wohl von größern Leben mag es rauschen,
Wo vier Welten ihre Schätze tauschen,
An der Themse, auf dem Markt der Welt.
Tausend Schiffe landen an und gehen;
Da ist jedes Köstliche zu sehen,
Und es herrscht der Erde Gott, das Geld.
Aber nicht im trüben Schlamm der Bäche,
Der von wilden Regengüssen schwillt,
Auf des stillen Baches ebner Fläche
Spiegelt sich das Sonnenbild.

Prächtiger, als wir in unserm Norden,
Wohnt der Bettler an der Engelspforten,
Denn er sieht das ewig einz’ge Rom!
Ihn umgibt der Schönheit Glanzgewimmel,
Und ein zweiter Himmel in den Himmel
Steigt Sanct Peters wunderbarer Dom.
Aber Rom in allem seinem Glanze
Ist ein Grab nur der Vergangenheit;
Leben duftet nur die frische Pflanze,
Die die grüne Stunde streut.

Größres mag sich anderswo begeben,
Als bei uns in unserm kleinen Leben;
Neues – hat die Sonne nie gesehn.
Sehn wir doch das Große aller Zeiten
Auf den Brettern, die die Welt bedeuten,
Sinnvoll still an uns vorübergehn.
Alles wiederholt sich nur im Leben,
Ewig jung ist nur die Phantasie;
Was sich nie und nirgends hat begeben,
Das allein veraltet nie!

Friedrich Schiller(1802)

Die Welt reparieren

Vielen Volkshochschulen hat Niko Paech, der oldenburger Ökonom, mit seinem Thema Postwachstumsökonomie schon Besucherrekorde beschert. Ilse Fischer Giovante, die die Volkshochschulen als „Schrittmacher der nachaltigen Entwicklung“ sieht freute sich über die weit über 50 Interessierten im gesteckt vollen Fröhlichen Nix in Blaubeuren. Paech hat einen ganzen Rücksack voll streitbare Thesen im Gepäck Indessen würden in Deutschland am Tag 2,15 Millionen Barrel Öl verbrannt. Sehr liebevoll seinem Publikum zugewandt, machte er die unerfreulichen Begebenheiten in norddeutscher Nüchternheit anhand von Folien deutlich.

Das größte Problem des grünen Kapitalismus sei dabei eine fast religiöse Techniküberschätzung.

Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion

Ohne technische Verstärkung komme ein Mensch nicht über ein bestimmtes Leistungsniveau hinaus. Wachstum(im Sinne von Anstieg des BIP) entstehe erst wenn Akkuschrauber, Autos oder Hochöfen verwendet würden. Das selbe Phänomen der Technisierung der Produktion, schaffe aber eine Schattenseite, deren Perfektionierung hierzulande unter dem Begriff „Industrie 4.0“ als Zukunftslösung verkauft würde. Wenn zum Beispiel Audi es heute schaffe, durch technische Innovationen das gleiche mit fünf statt zehn Leuten zu produzieren, dann muss, das Wachstum verdoppelt werden, um die Arbeitsplätze zu erhalten. Weiterhin sei die Rationalisierung alias Industrie 4.0 in denGesundheits-, Pflege- und Finanzsektor eingedrungen. „Das Wachstum, dass nötig wäre um diese Arbeitsplätze zu retten,gäbe dem Ökosystem den letzten Gnadenstoß“, so Paech deutlich. In Europa habe kaum noch einer Zeit um das ganze gekaufte Zeug wertzuschätzen, dass sei eine von sieben Wachstumsgrenze. Unser Wohlstand, so sprach Paech weiter Tacheles, resultiere ausschließlich aus der Lohndifferenz zwischen uns und den Werkbänken im asiatischen Raum.

Co-Designer der wahren nachhaltigen Entwicklung

Darauf gebe es drei Reaktionen im jetzigen Wirtschaftssystem. Erstens Islamischer Staat. Zweitens Migration und drittens die Kopie unseres Wirtschaftsmodelles im eigenen Land. Dabei vergäßen viele, dass nicht nur bei der Produktion Abgase ausgestoßen würden sondern auch beim Konsum der Güter, so Paech. Nichts sei wichtiger als der Ausstieg von Atom- und Kohleindustrie. „Wir brauchen aber eine Reduktion des CO2 Ausstoßes von derzeit 11 Tonnen auf 2 Tonnen“, machte er klar. Man müsse anerkennen, dass dies ohne eine Reduktion unseres eigenen Verbrauchs nicht möglich sei. Viele Hartz IV Empfänger seien jetzt schon meist gezwungenermaßen auf dem Niveau. Die zentrale Frage sei daher, wie man ein Weniger an Konsum und Produktion organisiert, ohne sich benachteiligt oder unterdrückt zu fühlen.

Das Zauberwort hieße Prosumtion. Jeder der eine PVT-Anlage auf dem Dach habe sei ein Prosument, weil er sowohl Strom vom Netz konsumiert als auch für das Netz produziert. Der Markt sei dazu da gute Produkte wertzuschätzen und schlechte zu diskreditieren. Jetzt schon sei der Verbraucher der Co-Designer der Produkte, bei Ikea übernehme der Konsument sogar die Endmontage(Lachen in den Reihen). Durch internationale Billiganbieter sei das Deutsche Reparaturwesen verkommen.

Eine Ökonomie der Instandhaltung, sei extrem arbeitsintensiv, ein Gegenentwurf zu Industrie 4.0 . Weder in der Bibel noch bei Luther oder gar Marx stünde, dass der Mensch 40 Stunden arbeiten müsse. Eine Arbeitszeitverkürzung der kommerzialen Arbeit auf 20 Stunden sei sinnvoll. Die restliche Zeit könne für die Instandsetzung der eigenen Güter und Gemeinschaftsarbeiten genutzt werden. Er selbst nutze eine Waschmaschine mit vier anderen zusammen. Nur 0,79 Tonnen von den jetzigen 11 entfielen auf den direkten Stromverbrauch. Der Löwenanteil C0 2 stecke in Produktion und Transport der Produkte. Produktlebensdauer sei eine physische Größe die Nutzungsdauer hingegen eine kultureller

Kasten weitere Informationen unter zu Paechs Forschungen unter Postwachstumsoekonomie.org, Paech´s Initiative zur Meldung von schlechten Erfahrungen mit Produkten unter Murks-nein-danke.de

Pure Rhetorik?

Schwedentrunk oder katholische Lutherspiele?

Dass Luther für die katholischen Kirche bis heute ein gerichteter Ketzer ist ist eine Tatsache. Im Alten Rathaus in Laichingen bewegte die katholische Nachwuchstheologin Daniela Blum organisiert von der katholischen Kirchengemeinde Maria Königin die Frage was die beiden Konfessionen nun im Lutherjubiläum gemeinsam zu feiern hätten? Auf die Ausschlachtung Luthers zu Werbezwecken anspielend, unterstellte die Theologin, die unter anderem in Rom studiert hat, wichtig sei für die evangelische Kirche, sowieso nicht, was gefeiert wird, sondern, dass gefeiert werde. Zwei Ebenen hatte der intellektuelle Parforce-Ritt, die eine wollte die medialen Zusammenhänge zwischen deutschem Papst und der seit 2008 währenden, durch die Evangelische Landeskirche ausgerufenen, Luther-Dekade ausleuchten. Die andere wollte einen gebündelten Lichtstrahl auf Luthers entscheidende Phase von 1502 bis 1525 werfen, in der er noch Augustiner-Eremit, seine wichtigsten Erkenntnisse erlangte.

In der Deutung Blums ist die Luther-Dekade 2006 im direkten Anschluss an den von 1.1 Millionen Menschen zelebrierten Abschlussgottesdienst des deutschen Papstes beim Weltjugendtag in Köln konzipiert worden. Doch nicht genug der willentlichen Nutzung umstrittener Begebenheiten zu organisierten Machtzwecken.

Ihre markige Titelfrage: War Luther Katholik?, entlarvte sie nach dem Vortrag in gemütlicher Runde selber als Rhetorische Frage, denn zu Luthers Zeiten gab es noch keinen Ausdruck für die Spaltprodukte der einen Kirche Jesu Christi in zwei Teile.

Vatikan setzt Zeichen einer anderen Reformation mit Papstbesuch in Schweden

Bei der Erwägung ob die Reformationsfeiern für die Christenheit ein Lutherfest, eine säkulare Feier oder ein Christusfest aller seien, drängte die Theologin vor allem eine Frage: Kommt Papst Franziskus im Lutherjahr nach Deutschland? Zum evangelischen Kirchentag in Wittenberg und Berlin ist er nicht gekommen.

Für Blum sei die evangelische Kirche bestenfalls als „Transformation der katholischen Kirche“ und Luther als nationalistischer Angreifer der vormals unangreifbaren Macht Roms, also als Modernisierer zu sehen. Er habe schon zu seiner Zeit nichts Neues gesagt, nur habe er die neue Technologie des Buchdrucks intelligent genutzt und in Kombination mit der neuen Volkstümlichkeit habe er andere eher kirchentreue Stimmen der Erneuerung wie Erasmus von Rotterdam besiegt.

Papst Franziskus hat mit seiner Ankündigung im Oktober einer Reformationsfeier im schwedischen Lund, als erster Papst vorstehen zu wollen, den Lutheranern in

Wittenberg einen Dämpfer erteilt, so Blum. Ein Luther als Verursacher der Kirchenspaltung und als Fernzünder des 30-jährigen Krieges, sei weniger gut dem heutigen Publikum zu verkaufen als der lebensfroh schlemmende deutsche Familienvater, den liberale Lutheraner gerne im Reformationsjahr betonten. Auf die Frage ob nicht Franziskus und Luther gemeinsam sei, dass sie aus den lange dogmatisch verschlossenen Quellen der Mystik zu schöpfen vermochten, äußerte sich Blum ablehnend. „Die Mystik ist etwas das keinen Spaß macht.“

Luther habe in seiner ersten Schrift die Ordnungsregel der Trennung von geistlichem und weltlichem Stand in Frage gestellt. Luther habe viele Sympathisanten im konservativen Lager gehabt, weil er ein großer Exeget des Evangeliums war und das Bedürfnis, das Christentum mehr an der Schrift auszurichten groß gewesen sei. Durch seine Ablehnung durch die römische Kurie und seine Verketzerung 1523 hätten viele von ihm abgelassen. „Es lohnt sich Luther im Original zu lesen“, empfahl die Referentin nach deren gehaltvollem Vortrag die Frage was die Christenheit 2017 zu feiern habe offen geblieben war.Karl-Heinz Knupfer meinte während er Blum ein Handtuch aus der ausgestorbenen laichinger Leinwebertradition überreichte: „Von Luther lernen heißt geschlossene Lebensgemeinschaften zu hinterfragen.“

 

 

 

 

Schönheit entstanden aus Kampf

Es ist Nacht, seit Langem fragt sich der die Suppinger Straße in Laichingen Passierende, was es wohl mit den Holzaufbauten am Ortseingang von Laichingen auf sich hat? Überraschend: Drei Gestalten stehen in der Einfahrt um einen dicken Holzblock, vom dem eine seltsam starke Lichtquelle ausgeht! Kommt man der Sache näher, eröffnet sich Schritt für Schritt eine Art Autoladekabel an Nägeln auf dem Block befestigt. Johannes Ströhle, der geistige Vater des Experimentes, erklärt die Zusammenkunft. „Wir testen hier wie man durch elektrischen Strom Maserungen in Holz bewirken kann.“ Und sie da… auf dem Holzblock unter dem findigen Forstwissenschaftsstudenten, zeigen sich Maserungen. Solche die an Ammoniten aus den Alb-Meeren erinnern. Prähistorisch anmutende Schönheit made in 2017. Bei Tag verweist er auf einen langen Holztisch, „den wollte ich schon immer machen“, sagt er entbrannt. „Ein Holzrücker aus Heroldstatt hat für uns den Kronenast gefunden aus dem die Zwieselfüße des Tisches entstanden sind. Wenn der Haupttrieb abbricht, übernehmen die Seitentriebe das Geschehen, so entstehen interessante Gabelungen “, lässt Johannes Ströhle wissen.

Seit einem Jahr arbeiten Johanna Wenz, seine Freundin, die er im Studium kennen gelernt hat und er an Formen die die Schönheit der Natur in Szene setzen. Sie nennen sich Ströhlewenz. Auf ihrer gemeinsamen Visitenkarte, die markante Holzmaserungen grundieren, steht Drechselkunst an erster Stelle, das ist den beiden wichtig.

„Die Tischplatten die wir verkaufen, sieht man bei keinem Schreiner und in keinem Möbelhaus.“

Er zeigt auf eine Tischplatte mit Aussparungen, zwischen den Dielen. „Den habe ich aus einem Restbestand eines Schreiners gefischt. Das Holz hat viele Äste und Maserungen, die für einen Schreiner schwer zu bearbeiten sind. Der Schreiner schaut auf Funktionalität und Preis. Der Eiben-Tisch, bei dem ich den natürlichen Formverlauf des Holzes stark herausgearbeitet habe, ist hingegen ein Grenzfall zwischen Kunst und Handwerk“, meint der Holzkünstler. Und wahrlich der Tisch ist sowohl haptisch als auch optisch ansprechend, edel und natürlich zugleich. Aber er stellt durch seine naturbelassenen Rillen Ansprüche an die Achtsamkeit seines Benutzers .

Oft entsteht Schönheit aus Überlebenskampf

Ein anderes Steckenpferd der Drechselkunst des jungen Pärchens sind die Holzschalen.

Hier zeigen sie als Beispiel ein Schale aus Buchenholz. „Kein Maler kann so schön zeichnen wie die Natur“, meint Johannes im Angesicht der ansprechenden Zeichnung der Schale.

„Wenn der Stamm krank ist, kommt der Pilz. Die „Zeichnung“ ist die Demarkationslinie, welche der Pilz legt um sich Wasser zuzuführen, welches er braucht um den Baum zu zersetzen..“

Der Wald habe in den letzten Jahrzehnten einen Bedeutungswandel vom Holzlieferanten zum Erholungs- und Sehnsuchtsort durchlaufen und heute, so habe er das Gefühl ,wollten die Leute die Natur zu Hause haben, schildert Ströhle seine Eindrücke von Kunden. Und alles hat eben seine Ursachen und seinen Preis, so hat der findigeBaumkenner das Holz, aus der die Schale entstand aus einer kranken alten Buche gedrechselt, die an der Tiefenhöhle in Laichingen stand. Ohne die Sicherheitsgefährdung hätte der Baum unter Naturschutz nie gefällt werden dürfen. Sein Stamm beeindruckt nun die vorbeifahrenden Autos in dem kleinen Albdorf verarbeitet zu einem Würfel mit je 63 Zentimetern Kantenlänge.

Herrschaft, Wind und Sehnsucht

Voll war an diesem Sommernachmittag nicht nur das evangelische Gemeindehaus, sondern offensichtlich auch der Terminkalender von Bürgermeister Klaus Kaufmann. Trotzdem kam er, sorgte aber durch eine vergessene Seite eines schwäbischen Gedichtes für mehr Aufsehen als durch seinen Bericht aus der Stadt. Die natürliche Reaktion Kaufmanns und die Aussicht, dass die Gehbehinderung der Baustelle in der Gartenstraße in etwa zweit Monaten abgeschlossen sei, stimmte die alten Laichinger versöhnlich. Vieles sei in Bewegung in Laichingen und der dickste Brocken würde gerade in Form einer Studie über den Sanierungsbedarf der Laichinger Schulen angefertigt. „Sicher ist dass wird teuer, gab Kaufmann schon einmal bekannt.“ Der methodistische Pastor Philipp Züfle beglückte das Publikum hingegen mit einer beherzten Andacht, in der er nachdenkliche Gedanken über die gegenwärtig für Deutschland geschichtlich ausnahmslos lange andauernde krieglose Zeitspanne anstellte. Zuflucht nahm der Theologe in seiner „Sprachlosigkeit“ in einem alten Liedtext, den die Laichinger Alten, zu seiner Überraschung und der Freude aller auswendig erklingen ließen.

Alt-Laichinger Sehnsuchtsorte

Auch Ottmar Steidle, der durch seine Monteurstätigkeit bei dem Stromversorgern EVS, „viel mitbekommen hat was gebaut wird“, zeigte 98 Bilder von Laichingen vor 100 Jahren und heute. Aus Erfahrung bei anderen Vorträgen vor älteren Menschen benutzte der Rentner zwei Dia-Projektoren im Dienste besserer Anschaulichkeit . Auf einem zeigte er historische laichinger Postkartenmotive, auf dem anderen gleichzeitig aktuelle Bilder der selben Straßenzüge. Kurz vor dem großen Mittelalterspektakel hinter der Kirchenmauer der Sankt Albanskirche nächstes Wochende, entführte er durch ein altes Bild,von deren Kirchturm aus fotografiert, in die Maierhöfe – und damit in die Keimzelle des alten Laichingens. Seit etwa 1000 nach Christus war der Maierbauer in Laichingen der Vorsteher der Bauern der drei zum Kloster Blaubeuren gehörenden Gemeinden Sontheim, Feldstetten und Laichingen. Er hatte das Recht mit Salz zu handeln, woher auch der Hausname Salzbauer(Sale) in den im Grundeigentum des Klosters befindlichen Gemeinden rührt.

Sumpfgebiet und Sehnsuchtsorte

Heute kaum zu glauben: Das Gebiet westlich des heutigen evangelischen Gemeindehaus war einst ein idyllisch anmutendes Sumpfgebiet mit für eine Innenstadt ausgesprochen vielen Bäumen.

Steidle ordnete das Gesehene ein: „Vom Alenberg aus, wo heute noch das Wasserhäusle steht, kam das Oberflächenwasser über die Schulstraße heruntergeflossen und sammelte sich, in den oftmals nicht zugänglichen Pfarrgärten. Nicht weniger faszinierend, ein Bildvergleich Vorher-Nachher vom Marktplatz. Eine Aufnahme aus dem Winter 1899 ist ohne Schnee: Die Hüle ist wasserlos. In diesem heißen Sommer mit regenlosem Herbst gab es in Laichingen Wasserknappheit, weiß Steidle. Auch gibt er in seinem fast eineinhalbstündigen Vortrag interessante Einblicke in die Hierarchien des alten Bauerndorfes. Die unmittelbare Nähe der Pferdehüle zur Kuhhüle, sagt nichts über die soziale Distanz von Kuh- und Pferdebauern aus. Eher die Tatsache das Pferde nicht von Kuhweiden grasen und umgekehrt. Denn die Kuhbauern durften mit den sozial höhergestellten Pferdebauern nicht auf Augenhöhe verkehren, „das hat sich erst nach dem 2. Weltkrieg gebessert“, so Steidle. In den 20er Jahren wurden beide Hülen zugeschüttet und das umstrittene Kriegerdenkmal nach dem ersten Weltkrieg auf der Höhe der Kuhhüle errichtet. „Früher hatten die Bauern ausgedehnte Selbstversorgergärten mit Obstbäumen, arme Handweber hingegen lebten dicht an dicht. Im Zuge der Industrialisierung wurden die Arbeiter in den Leinwebereien reicher als die Bauern.“

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