Harrycane Orchestra im Einstein Haus zu Ulm

6 Augsburger vermählen Orient und Okzident auf dem Weg zum Weltfrieden

Im Club Orange im Ulmer Einsteinhaus, zu arabisch Club bourdougal, fand das lange angebahnte erste Konzert von Harrycane Orchestra, der sechsköpfigen türkisch-deutschen Band aus Augsburg, am Freitagabend statt. Der Ulmer Verein für Kunst- und Kulturveranstaltungen „Kunstwerk e.V“, so sollte sich in dem Konzert beweisen hatte wieder einmal einen musikalischen Edelstein nach Ulm gebracht. Harry Alt, der die meisten Lieder der Band komponiert, hat durch die Begegnung mit dem blumig strahlenden türkischstämmigen Oberpfälzer Sänger Tarkan Yesil sein Talent Kompositionen mit viel Raum für Improvisationen zu schneidern mit der Tradition der klassischen arabischen Musik veredeln können. Die bis ins achte Jahrhundert nach Christus reichende Tradition der herausragenden Rolle von Gesang und Rhythmik in der arabischen Musik wurde in dem Konzert durch die fremdartige Eintönigkeit arabischer Flötenmusik gekrönt und mit Arabesken wie herausragenden Jazz-Solo´s beispielsweise am Tenor-Sax verziert. Die türkische Laute, die Cümbüc von Joe Ayküt macht mit einem kunstvollen Solo den Anfang, dann setzen Schlagzeug(Alt) und die arabische Riq von Yesil ein. Spätestens als Yesil seinen Sternengesang anstimmt möchte sich der Körper unwillkürlich in die altorientalische Klanglandschaft hinein drehen. Mystisch prangen 3 arabische Schriftzeichen(Harf) auf dem mit Ziegenfell bespannten Fell der Riq. TAM, heißt das Instrument vielleicht tam? Nein, meint der Spieler. Aber Tam, das unter Trommlern ja international ist(Tam Tam machen) scheint das altorientalische Pendant zum englischen Tab zu sein. Bei Rainbows, einem Lied von der letzten Platte der Band namens Phosporus hat das Instrument als Repräsentant der Regentropfen einen weiteren prägnanten Auftritt. So reich wie ein ganzes Drumset, sei das Ausdrucksspektrum für den gut behuften Riq-Spieler und so ist das Lieblingslied des passioniert drummenden Komponisten des Liedes auch ein Beispiel für die rhythmusgetragene Wurzel der Musik mit der die Band räsoniert und das Publikum so sichtlich berührt.

Vom Berg-Bewusstsein bewegt im Wunderland

Einen erfrischenden Schucker Humor goss Alt aus seinem gut behüteten Charakterkopf, in die Ansagen. Pris, sage man auf russisch, wenn man die Katze vom Tisch haben wolle, so der Komponist und Schlagzeuger.Das russische Lied hörte sich sehr viel jazziger an, uferte gar in eine pianistische Entgleisung von David Kremer aus. Auf dem stämmig starken Rhythmus von Schlagzeug und dem exakten und lauten Zupfwerk von Giuseppe Puzzo feierte der „Fantastmus“ fröhliche Urstände.

Solch eine Verausgabung endete realistisch im Zusammenbruch. Daraus erstand, wie Sandelholzduft von Moschus geschwängert, das indische Harmonium, welches übrigens trotz aller Pentatonik vom westlichen Harmonium(damals als Werkzeug christlicher Mission) abstammt.Daraus entspann sich nun ein vormusikalischer, mal rufender, mal tastender mal Rhythmus aufnehmender Klangraum. Eine psychedelisch verschwommene Introspektion nach dem Scheitern des manischen Steigerungsspiels. Das Saxophon entwirrte, die verhedderten Fäden mit seinem einfühlsamen Spiel, bis die Nebelwände sich gen Ende des Katzenjammers zu Gunsten hellblauer Aussichten lichteten. In einer Sequenz umwerfender Lieder erweckte Wonderlanddie größten Bilder. Das Harmonium durchtönt von einem ursprünglichen vokalischen Gesang Yesils, versetze den mit geschlossenen Augen Sehenden in einen Morgen an dem man den ersten Blick aus dem Zelt auf einem Berge tut und von Staunen erfasst wird. Alleinsein ganz Raum für die kühne Schönheit der jungfräulichen Bergwelt.

Ost und West:Zusammenfließen für die Freiheit

Atmen, mit jedem Atem lachender überfließender werden. Aufstehen müssen, wie Nietzsche´s Altorientale Zarathustra, der nach 30 Jahren genossener Einsamkeit hinunter gehen muss. So floss man mit Yesils bewegendem Gesang zusammen hinunter in lustwandlerischer Manier. Diese Menschen müssen es sein, dachte man da als man vom Gesang eingenommen seine warmen braunen Augen zwischen den herzigen Wangenknochen hervorleuchten so, solche müssen es sein, die das Licht bringen, dass nicht blendet sondern nährt.Diese inkorporierte Freiheit, könnte doch Mississippi und Euphrat, Ostwind und Westwind wie Musik zusammenfließen lassen in ein wahres Wunderland, wie arabisch-okzidentale Musik von deutscher Hand komponiert und türkischer Stimme beseelt. In dem einzigen Cover des Abends dem linken türkischen Freiheitslied „Uzun Ince“ zeigte sich das die sechs lieben „Schwaben“(Schwaben ist groß) aus Augsburg auch selber so ähnlich dachten. Der „enge lange Weg mit zwei Türen“ ist nunmal zu durchmessen um sich für den „Weltfrieden mit Musik hergestellt“ zu adeln. Denn die Vision des Orchesters, so sagte der etwas kontraintuitiv urbayrisch sprechende Sänger Tarkan Yesil sei „eine liebevolle kosmische Synthese der Kulturen.“ Wer so weit kommen will braucht kraftvolle Gefährten und so besang der oberpfälzer Kulturverschmelzer gen Ende vermehrt Raumsonden, wie die Voyager 1 . Der Song an die Einsamkeit der „Voyager 1“, die abermilliarden Kilometer entfernt von der bergenden Erde durch den kalten und leeren Kosmos fliegt, sei als Schlussstein des Berichtes dokumentiert. Den Weg der Sonde, die schon seit Anfang der 80er Jahre auf ihrer Mission der Erkundung unentdeckter Teile des Weltraumes begann mit einem ewig bewegenden Vibrato auf Yesils Stimmbändern und synthetisch erzeugten Klängen.Auch die Dimension das große Werke der Menschheit in dieser Sonde auf Anschauung außermenschlicher Augen harren transzendierte noch einmal den kommunikativen Willen der Jungs sich selber auf das Andere hin zu überschreiten. Die Berge, hier die Ideale, machen einsam, doch die geben uns die Kraft der menschlichen Möglichkeit einen Körper wachsen zu lassen. Die Menschheit in der Kulturen, laut Yesil „sehr wohl harmonisch zusammenleben können. Kay Fischer, der rastafizierte Saxophonist und Flötist steht zu einem orgiastischen Schlusssolo auf und der Club bourdougal steht Kopf.Man übe sich in Ursprüngen…

Links:

Harrycane FB: https://www.facebook.com/rockyoulikeaharrycane/

weitere Veranstaltungen von Kunstwerk:

2.05.2019 “Seltsam im Nebel zu wandern”, Roxy Ulm, Schillerstraße 1,Tanz-und Medienperformance vin Kurt Theinert mit der Tänzerin Kathrin Knöpfle

03.05 Obradovic kroatisch-französische Musik im Einstein Haus Ulm, Kornhausplatz 5

Kunstwerk: http://www.kunstwerk-ulm.de


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Gleis 44 unter Palme: Flohmarkt am Samstag

Im und um das Gleis 44 in der Schillerstraße 44 im Ulmer Dichterviertel gibt es am Samstag den 30.03 ab 16 Uhr einen Flohmarkt. Es wird, laut Jakob vom Orgateam, draußen lecker Essen vom Foodtruck der Illerbuben, sowie einen Crepestand geben. Für eine vielfältige Palette an Getränke ist wie immer ebenfalls gesorgt. Um die werdende Palme, welche den Biergarten zentriert, wird es einen Stand der Ulmer Buchhandlung Aegis geben. Dort wird der DJ “Blumenpanzer”, der für den Sound auf dem Flohmarkt sorgen wird, am elften April auflegen. Der nachhaltige Ulmer Modeladen “Fischerin´s Kleid” wird die Besucher mit Kleidern aus eigener Kreation und Fertigung beglücken. Auch die zum Gleis 44 gehörige Surfwerkstatt wird sich zur Feier des Flohmarktes nach außen stülpen und einen Surf- und Skatebrettermarkt auf die Beine stellen. Drinnen im Raucherraum wird Vibes.de, das Jugendmagazin der Südwestpresse, Bierpong mit attraktiven und flüssigen Preisen ausrichten. Ebenfalls drinnen launcht sich die Ausstellung “Space-Race” ab 18.00 Uhr. Dahinter verbirgt sich eine Reise per Joystick durch die Geschichte der Raumfahrt, bei der am Ende jeder für Amerika oder Russland votieren darf. Konzept und Umsetzung stammen vom 2.Semester der Hochschule für Gestaltung in Schwäbisch Gmünd. Wer sich auf Location und Leute eingeschwungen hat kann, laut Jakob, den um 22.00 Uhr endenden Flohmarkt gerne auch zu feinstem Techno vom “Kollektiv Schillerstraße” drinnen bis 5 Uhr morgens ausklingen lassen. Wenn das mal kein Frühlink ist.

Schiffart

Ich bin dicht um auszulaufen

Bin offen um weiter zu wehn

Bin eine Stufe im Meer das die Wellen

sich an mir selbst erkennen im zerschellen

Und auch die Welle die mich hebt

weiß in mir schon das sie nicht überlebt

ich muss manchmal so tun als ob ich etwas wär

doch das Meer ist einfach so viel mehr

(Farounfirewater,26.03.19)

Wellenherz

Zerbrochene Seele mit Leimspuren

Gebrochene Geilheit auf Schleimspuren

Freibaderlebnisrutsche im Businessanzug

Du fühlst dich schuldig als alter abgefahrener Zug

der leise auf die lebendigen Gleise lugt.

Wellenherz kennt keine Grenzen nur Frequenzen

kennt keine Zeiten, springt in die Fluten

die wässrigen Weiten…

Wellenherz schlägt frei und empfänglich

für schwungvolle Koinzidenz

Wellenherz im Lenz fliegt mit dem

Zitronenfalter der einzig und alleine das Spielfeld bekränzt
(Daniel Baz, 2018)

Ton, Steine, Scherben: Funken der Liebe im Ulmer Hemperium

Einen tollen Tag hatte sich das akustische Grundgerüst der kommunistische Kultband „Ton Steine Scherben“ ausgesucht; um an dessen Abend im Ulmer Hemperium zu gastieren. Denn am Mittag hatten in der Einstein-Stadt schätzungsweise 1800 Demonstranten sich im Regen mit einer globalen Menschengruppe gegen den menschengemachten Klimawandel, manchmal auch, gegen das menschengemachte Wirtschaftssystem des Kapitalismus auf Ulm´s Straßen lautstark zusammengeschlossen. Viel Ton und Farbe, aber keine Steine und Scherben sah man im gut gefüllten Hemperium durch die Lüfte fliegen. Wobei gleich zu Beginn des schon in der Endphase befindlichen Konzertes eine „Scherbe“ mehr auftauchte,als das legendäre Grundgerüst Kai Sichtermann(Bass seit 1970) und Funky K. Götzner(Schlagzeug seit 1974) und der neue Sänger Gymmick. Denn bei „der Traum ist aus“ schauten sich zwei „Scherben“ der Demo- Zeugen von einem vergangenen großen Ganzen- in die Augen und fügten sich im Herzen berührt zu neuem Glas, einer neuen Sichtweise zusammen.Als der Dritte im Bunde der akustischen Band Gymmick berührend rau ins Mikro sang „Der Traum ist aus, aber ich werde alles tun, dass er Wirklichkeit wird“,vertiefte sich diese kraftvolle ermutigende Situation noch. Und noch eine andere Scherbe blinzelte am Rande der temporären autonomen Zone des Scherben-Konzertes. Das hübsche Mädchen mit dem Minirock, welches mir demletzt im Zug begegnete, zwinkerte herrüber. Gymmick sehnsüchtelte während dessen mit Rio Reisers machtvollen Worten „gib mir deine Liebe, gib mir deine Hand“, durchs Mikrofon.

Ton, Steine Scherben: Die Zukunft hat Vergangenheit

Das Hemperium war voll, die „Batterien“ wie es Funky an der Cajon, formulierte waren aufgeladen und die Menschen grölten, tanzten, sangen und lagen sich in den Armen. Die akustische Kleinform der Scherben ist während der musikalischen Schifffahrten auf der Spree in der Heimatstadt der Scherben, Berlin,entstanden. „Die Batterien laden sich zu dritt schneller auf und außerdem sind drei billiger als die große Band, meint Funky K. Götzner. Gymmick machte seinem Ruf als charismatischer Songpoet bei dem Gig alle Ehre. Martina heißt die Schöne, die ihrem Minirock treu geblieben ist und der nun erschallende „Rauchhaussong“ war im Jugendhaus in Finningen immer eines der meistgespielten Lieder, bestätigt auch ihre Freundin Kathy. Die war in Berlin auch im Bethanien, von dessen denkwürdiger Besetzung das Lied handelt. Heute findet sich darin unter anderem eine Joga- und eine Heilpraxtikerschule. Auch ungehörte Lieder und Raritäten wie die bisher unveröffentlichte Demoversion „Vage Sehnsucht“ von 1982 spielten die Musiker die gerade auf Tour sind.

Wir haben nichts zu verlieren außer unsre Angst

Auch hier vermochten die Volxmusiker der allerersten Stunde existentielle Stimmungen mit geraden Texten zu verbinden, die viele Menschen zu berühren zu vermögen. Wie die „Stimme aus der Ferne“ in dem Song, hat Rio Reiser ,als genialer Komponist und Frontmann, es stets vermocht gerade Texte zu schreiben und den radikalen Lebensliebhabern der Band Soundteppiche auf die Leiber zu zimmern, die dem menschlich Möglichen nach, Riegel und Zwänge aufspüren, ausdrücken und zu überwinden helfen. „Macht Kaputt was euch kaputt macht“, nach dessen erster Aufführung auf dem „Festival der Liebe“ auf Fehmarn 1970, die Bühne in Brand gesetzt wurde, hat auf analytischer Ebene nichts an seiner radikalen Durchlichtetheit verloren. Der Song „Keine Macht für Niemand“ jedoch wurde von der RAF 1972 als Soundtrack für den antiimperialistischen Kampf, wahrscheinlich wegen seiner visionären Warte, die bereits die Fronten der bipolaren Politik überwinden als „Blödsinn“ abgelehnt. Die Großzügigkeit der Band spürte ich indem mir „Funky“ ein signiertes Exemplar ihrer Doppel-CD „Radio für Millionen“ freudig in die Hand drückte.Auf dem jüngsten Werk der Scherben hört auf zwei CD´s, einerseits die berüchtigte Live-Rotzigkeit und andererseits die Klarheit und Wortgewalt der immer noch visionären Musik der Scherben. An diesem Abend treffen sich wieder der alte und der neue Zeitgeist, die Scherben so schillernd wie sie noch zu glänzen vermögen, haben zwar den Zeitgeist der 70 getroffen, haben sich aber nie mit ihm vermählt. Wie Scherben so sind, sind sie wohl glückliche Witwer geworden. 72 Konzerte hatten sie dieses Jahr bereits und die alten und neuen Scherben die auf die Konzerte kommen um sich zu neuen Verbindungen zu fügen erzählen Konzert für Konzert, Augenpaar für Augenpaar von der Liebe, deren Scherben und Funken vielleicht als einzige vermögen werden, die Menschheit zu retten, bevor der letzte Liter fossilen Brennstoffes verbraucht ist. “Ein gerader, visionärer Satz von Rio war, “Wir haben nichts zu verlieren, außer unsre Angst, das ist unsre Zukunft das ist unser Land”, heute ist die Zeit gekommen, Rio´s Vision umzusetzen”, ist Funky K. Götzner überzeugt. Der homosexuale Rio Reiser kannte das Gefühl der Einsamkeit, wie Einsamkeit in den isolierenden Formaten der neoliberalen Wirtschaftswelt entstehen und vielleicht überwunden werden kann ist das Thema der nächsten Artikelserie dieses Artikel-Archives.

Konzis:

23.03.19 Bortfeld, Sportheim

28.03.19 Hannover, Faust

30.03.19 Braunschweig, Das Kult

Links:

http://www.scherben.net

booking: Info@Ahuga.ch

kontakt Scherben akustisch: post@Scherben-akustisch.de

Gymmick Fb: http://www.facebook.com/tssgymmick

Klimaschutz: Man müsste es einfach machen

Circa 1800 Menschen bei Demo für mehr Umweltschutz in Ulm

Seit einigen Monaten demonstrierte das schwedische Mädchen Greta Thunberg für einen konsequenteren Klimaschutz. Auf dem Klimagipfel in Kattowitz eroberte sie mit einem dreiminütigen Impulsreferat die Herzen. Heute standen wieder hunderttausende Menschen auf der ganzen Welt auf der Straße. Schüler, Eltern und Lehrer im Schulterschluss für die Zukunft. Und trotz strömendem Regen, den der isolierte Denker resignativ mit dem Klimawandel in Verbindung bringen konnte, rollten bei der Begegnung mit dem singenden und hüpfenden Strom der Regenschirme die Steine förmlich vom Herzen. Vor dem Rathaus, einem mit Tugendlehren verzierten Symbol der noch bis ins 14. Jahrhundert reichenden Rätedemokratie der Reichen, versammelten sich die rund 1800 meist jungen Menschen. Von der an Festivals erinnernden Gummipuppe bis zum Plakat „Change the system, not the climate“ war die Meinungs- und Gesinnungsvielfalt groß.

Am Rande des Weges meinte eine Mutter einer Demonstrierenden: „Sie laufen zwar, aber nicht richtig, sie demonstrieren zwar, wissen aber nicht gegen was.“ Am Münster wo eine Gruppe von Schülern aus Ehingen mit ihren Transpis wartete, ergab sich die erste Gelegenheit zu einem Gespräch. Laila aus der 10. Klasse, meinte ,nicht bei ihnen, aber beispielsweise in Blaubeuren seien die Demonstrationsgänge von der Schulleitung organisiert worden. „Ich persönlich finde es wichtig mitzulaufen, weil wir Schüler so mithelfen, dass mehr Aufmerksamkeit auf den Klimawandel gelegt wird.“ Auf die Frage des Klimaschutzes in ihrem Leben meinte sie „Ich gehe bewusst mit CO2-Ausstoß um, fahre kaum Auto, laufe fast alles.“ Achim, einer der fünf eher Schüler ist Vegetarier geworden, allerdings wegen einer Wette mit seinem Bruder, die er gewonnen hat. „Ich bin jetzt seit 3 Jahren Vegetarier und mittlerweile auch wegen der positiven Gründe“, lacht Achim.

Schier kein Ende nehmende Kolonnen auf der Ulmer Hirschstraße


Das Thema Zukunft und Zeitdruck ist stark repräsentiert in den Reihen der jungen Demonstranten. Kaum enden wollende Kolonnen ziehen sich unter immer wieder anhebenden Rufen von „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“, Richtung Kundgebungsplatz auf dem Geschwister-Scholl-Platz vor den Museumscafe in Ulm. Auf der Höhe des Stadthauses frage ich mich noch warum man sich eigentlich nicht vor dem Münster versammelt? Da sehe ich Toni. Toni ist erwachsen und ist einfach von der Arbeit gegangen um hier dabei zu sein. Er findet die Stimmung gut, doch eigentlich sei es eine Schande, dass die Kids hier total durchnässt auf die Straße gehen müssten, während die Entscheidungsträger seit Jahrzehnten ja Jahrhunderten auf ihren Händen säßen, einzig die Frage im Kopf „Werde ich denn wieder gewählt“? „Es gibt Leute die könnten von heute auf morgen Änderungen herbeiführen. Man muss es einfach machen, die Leute wollten auch keine Sicherheitsgurte, die Kids wollten nicht durch den Regen gehen, nur manchmal ist es einfach nötig, es gibt nun mal kein Menschenrecht auf die Produktion von SUV´s“ „Die Zeit läuft“ steht auf einem Plakat auf einem anderen „Wenn ich nicht erwachsen handelt, dann müssen wir es eben tun.“ Das ist der eigentliche Grund für Toni hier zu sein, wenn die jungen Leute mit dem Finger zeigten, dann meinten sie ihn. Ja, er habe die Welt gesehen, aber heute verzichte er wo es geht auf Plastik und fahre mit der Bahn in den Urlaub. Klimawandel gehe nicht nur durch alternative Energien. Der Verbrauch sei das Problem. Auch das Nabada sei im Nachgang ein reines Müllfest. Auch hier gebe es die Möglichkeit sich zu besinnen. Wahre Worte denen Taten Folgen. Eine inspiriernde Begegnung mit einem Menschen bei dem das Bewusstsein scheinbar das Sein zu prägen vermag.

Das Ende ein Anfang

Auf dem Kundgebungsplatz ist nach meiner langen Unterhaltung mit Toni der letzte Redner in den letzten Zügen. Es sind schon weniger Leute welche nun hüpfend singen. „Wer nicht hüpft der ist für Kohle“, auch der Geist des Hambacher Waldes weht hier. Expect resistance, when you destroy existence, steht auf einer schwarzen Mütze. Eine Schülerin der Waldorfschule Illerblick stellt sich mit ihrem Plakat auf dem steht „ Wir sind nicht die Lösung aber Teil einer Antwort“ in die Erde des großen Plakates vom Ulmer Bündnis zum Weltklimaaktionstag. Die Namen der Redner auf der Abschlusskundgebung hat der Regen verwischt.Am Abend eines Tages an dem eine Tagung zur Einsamkeit, unter anderem in Haft, zeigt, dass man erst das Wesentliche sieht, wenn man alles Unwesentliche verloren hat, spielen zweit Leute der alten visionären Band „Ton Steine Scherben“ im Hemperium a capella. Zwei Männer die sich von der Demo erkennen, schauen sich hoffnungsfroh und lebensgesättigt in die Augen. „Der Traum ist aus, aber ich werde alles tun, dass er Wirklichkeit wird“, tönt ein altes Lied von Leben und Kraft. Wir sind zuversichtlich.

Mitten im Sturm II

Mit Hiob Gott ins Auge sehen

Im Rahmen einer Eventwoche im Gotteshaus Mosaik in der Ulmer Thränstraße 15/1 traf der Prediger auf ein volles Haus.Bei der Predigt am letzten Abend hatte Matthias Brandtner deutlich gemacht, dass Gott mitten im Sturm sei und der Sturm in Gott seine Macht verliere. Heute schaute er anhand der Geschichte des Namensgeber der Unglücksbotschaften schlechthin, wie ein Leben als Vollkatastrophe am Ende den größten Segen bringen kann. Hiob war ein reicher angesehener Mann gewesen und der Teufel hat ihm in seiner Prüfung alles genommen: Kinder, Rinder Haus.Viele interessante andere Beispiele hatte Brandtner aber dafür, dass die Beschäftigung mit dem Leid zu einer Entdeckung Gottes führen kann. So etwa der österreichische Psychologe Viktor Frankl, der alle seine Angehörigen verloren hatte und insgesamt vier KZ´s überlebt habe. In seinem Buch „Trotzdem ja zum Leben sagen“ entwickelt er im Fragen nach dem Sinn all der Gräueltaten erste Bausteine seiner Logotherapie. Die Logotherapie, die helfende Frage nach dem Sinn ist heute ein psychologisches Verfahren, welches tausenden Menschen hilft. Leid mache für das Leiden und die Schmerzen im Leben sensibel. So habe Nelson Mandela auch nach 27 Jahren Haft aus Leiderfahrungen heraus die Größe besessen seine erste Rede im Parlament über Versöhnung zu halten. Wie die Psalmen, verleihe Hiob seinem Leid Worte, er komme zu Gott. Von einem nur religiösen Menschen, so Brandtners Interpretation, reife Hiob nach und nach zu einer Liebesbeziehung zu Gott. Aber was tut der Normalsterbliche wenn der Sturm einen packt? Leid kann niederdrücken, entmutigen, er habe demletzt eine austherapierte Leukämiepatientin besucht, ganz schwach, das sei gruselig gewesen.Oder Leute die Schmerzen haben und es hälfe kein Medikament mehr zu Linderung. Leid könne einen in die Knie zwingen, kann zwingen uns zu zeigen wie wir wirklich sind.

Der Sturm fegt das Vergängliche weg

Ohne die Fassaden der Stärke. Auch Christen hätten keinen Vertrag mit Gott gegen Leid, keine Versicherung gegen den Schmerz.Wir seien dann im Klassenzimmer des Leides und hätten seine Lektion zu lernen. Stürme brächten unser „Ich kann das allein“ , unser Ego, zum wanken. Früher, so Brandtner, sei er in einer Gemeinde mit dem Glaubenssatz: „Wenn du alles richtig machst, dann segnet dich Gott“ gewesen.

Als seine Frau dann Lähmungserscheinungen bekam, obwohl er alles richtig gemacht zu haben glaubte, kam er in eine Glaubenskrise. Er spürte wie sich der Kern der Beziehung zeigte, jetzt wo seine Frau nicht mehr stark und frisch war. Das Versprechen in Guten wie in Schlechten tagen zusammen zu halten. Verträge, Gesetze und Schubladen prägten so viele Ehen in Deutschland. Dabei, und das habe er in dieser Krise gelernt, funktioniere jede Beziehung zu Gott auf Liebe, Annahme und Hingabe. In Deutschland sei das Leistungsdenken einfach zu stark. Beziehung heiße einfach „Ich geb dir mein Herz und du gibst mir dein Herz.Auch Hiob, so Brantner, hatte permanent Angst, er war nur religiös und nicht in Liebe. Das Leid habe ihm aber die Augen geöffnet. Der Besitz, die Verwandten waren weg. Er war enttäuscht, die Täuschung war weg, er konnte den wahren Kern wieder sehen. Gott kam zu ihm im Sturm, sagte entdecke mich, nicht meine schöne Verpackung.

In Kapitel 42,5 des Buches Hiob kann Hiob dann zu Gott sagen:“Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen.“Zur Verdeutlichung der Haltung, die man laut Brandtner haben muss um von Gott gerettet werden zu können, nur einer der vielen kaum zu glaubenden Geschichten aus des Pastors Repertoire. Eines Mittags sei in Eckernförde an der Ostsee. Ein DLRG-Schwimmer gerufen worden, da ein Mann im Wasser Schwierigkeiten hatte. Der Rettungsschwimmer habe in aller Seelenruhe, seinen Turm verlassen, sei zu Rettungsboot gelaufen, der man wühlte immer noch wild im Wasser. Dann sei er losgefahren, die Leute waren schon ganz nervös wie lange er brauche. Habe denn man mit dem Boot umkreist, bis er ihn schließlich aus dem Wasser zog um an Land seinen Körper auszupumpen. Die Leute waren außer sich. Eine Frau sagte: „Der Mann ist beinahe ertrunken.“ Ja, sagte er cool. Und sie hätten auch schneller sein können: „Nein“, sagte er, ebenso gelassen.“Einen Mann der noch mit der ganzen eigenen Kraft kämpft kann man nicht retten.“ Darauf habe Brandtner viel gelernt. Zum Schluss sagte er: „Das ist ein freies Land, sie dürfen gern mit ihrem persönlichen Leid nach Hause gehen, sie dürfen aber auch gerne Gott einen Rettungsring hinwerfen, indem sie jetzt für sich beten lassen.“