Bündnispolitik




Hat dir wieder so ein Liebestöter,
so ein reudiger Köter,
eines fremden Liebesliedes Text
auf die Netzhaut geätzt


Denkst du jetzt an deinen Ex
oder deine alte Crew in der alten
Stadt, die solche Köter immer von dir abgehalten hat?


Und wenn Sabrina mich anstarrt,
wie ein Tier gleicher Art,
das auch noch genug zu essen
doch zu wenig zu kuscheln hat


Dann wähn ich das unliebsame Liebeslied
wahr, einfach nur ehrlich,entflammt
und offenbar


Du tötetest den Liebestöter
indem du ihn ansprachst
und damit dein Weltbild durchbrachst


Bündnispolitik, es ist das gleiche Geschick,
vor dem du erschrickst und das dich-verbündet-
in die Gegenwart schickt


Der Köter bellte zu dem selben Mond,
der dich heraus gerufen hat,
der sich mit seinem milden Licht durchströmte
wie die vergebenden Reize der fließenden Stadt


Bis dein benommenes schieferblau sagt:
I´m ready now und es hellt sich auf dein grau
Auf des toten Liebestöters Fährte
entspannt sich nun deine Härte


Bündnispolitik wärmt nun wie das heiße
Durchschreiten der Sinnestore
auf dem Weg zum Fick


Rechts ist nun das andere Links
Mann das andere Weib
und Lieb ist die Kraft
hin zum anderen Leib


Bündnispolitik inspiriert und verquickt
mit Raum für dich und Freud für ihn
in Liebe ohne Dominus und Drama Queen

(Daniel Baz,03.03.2019) Sabr heißt auf Arabisch Hoffnung

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1001



Erkenne dich selbst!


Ist das Drehen um die Welt
der rechte Spin?
Dies eitle Streben nach
Anerkennung und Gewinn?




Erkenne die Welt!
Am Lackmus deines Selbstbildes entstellt,
an der mit Topspin geschossnen Zerstreuung
in das Feld.


Erkenne den Geist!
Der nur innewohnend mit dir reist,
der in jedem einzelnen
der tausend Dinge
freudig und zufrieden zu sein weiß


Erkenne dich selbst und den Geist
1000 und Eins


(Daniel Baz, Februar 2019)

Neuigkeit




Vereine Achtsamkeit und Neuigkeit,
sei gut in der Zeit


Schaue das Werkstück an,
das Werkstück bist du,
brachtest zu viele Striche an
nun findest du im Einen keine Ruh


Schaue dich selber an,
das Werkzeug bist du,
tatst dir so viele Dinge an,
das hindert dich nun am Tun

Übe Gelehrsamkeit
die Arbeit nach anderer Striche

Schau dich selbst in der Rundung
die zwei begrenzte Striche machten
Schau dich selbst in dem Freiraum
den zwei begrenzte Iche machten

Vereine Achtsamkeit und Neuigkeit:
Sei gut in der Zeit

Nimm den Zustand als Stufe an,
verbind ihn im Herzen,
mach den nächsten Schritt
im Wissen: Es sind Wachstumsschmerzen

Jetzt wo du durch
den Mond weißt,
wie die Sonne sich bewegt

radier die Spuren aus,
sie geben keinen Anhalt
mehr für deinen Weg

Neuigkeit:
Wie sich die Wunder
gebaren, so sind sie,
und wir als die Wunderbaren
finden sie

Achtsamkeit:
Wie die Wunden verheilen
verbinden sie
Wie die Szenen
erscheinen
verschwinden sie


Die Menschheit liegt
hinter den Wunden
mitten im Wundergebaren
-finde sie

Wir sind wundenerfahren
und wundergeboren
ham´ die Wunden geheilt
die Menschheit gefunden
die freie Familien
des Glücks hinter den Wunden


Vereine Achtsamkeit und Neuigkeit,
sei gut in dieser Zeit


(Daniel Baz, 02.03.19)

Flexibilitätstraining durch die Blume: Kado ein japanischer Weg

Blumen sind ein Spiegel.


Ich betrachte die Blume.


Die Blume betrachtet mich.


Ich – zur Blume geworden –


schaue mich an.

Dieser Leitspruch des Ikebanaweges, den die Senior-Professorin der Ikenobo-Ikebana-Schule Seikei
Sachiko Oishi-Hess in ihrer Erklärung der „japanischen Kunst des Arrangierens von Blumen anführt, zeigt die Herkunft des Blumenweges aus dem religiösen Bereich. Wie sich aber die Japanische Lyrik als Antwort auf die westlichen Einflüsse neu aufgestellt hat, so gilt dies auch für das Ikebana.Fasst man den mit dem Umfassend-Werden des Westens verbundenen Einfluss der Modernisierung mit einer auf der Rationalisierung der Lebensverhältnisse basierenden „Auf-Dauer-Stellung und Beschleunigung des Wandels“(Dieter Goetze, Nina Degele) so zeigt sich in Japan eine besondere Spielform dessen. Durch die Machtinteressen der herrschenden Klasse der Samurai im 15. Jahrhundert; siehe auch(https://derweiserabe.com/2019/02/15/das-japanische-gedicht-als-form-der-veraenderung/) wurden die bürgerlichen Klassen in Japan an einer Revolution gehindert. Verbunden mit einem Verbot vor allem der christlichen Religion wurde der Zen-Buddhismus vom Shogun gefördert. Diese erst Mitte des 19. Jahrhunderts von Außen aufgehobene erzwungene Abschottung und Restauration begann im Jahre 1634. 550 Jahre
ist hingegen die Traditionslinien der Ikenobo-Ikebana-Schule, die im Rokkoku-do Temple in Kyoto ihren Anfang nahm. Ikebana ist aber älter und wurde wahrscheinlich als Blumenopfer von chinesischen buddhistischen Mönchen im siebten Jahrhundert nach Japan gebracht. Anfangs, so erklärt Ikenobo-Meisterin Oishi-Hess während sie ein traditionelle Form(Rikka) des Blumengestecks arrangiert, sei Ikebana nur für den Schrein- sei er buddhistisch oder schintoistisch, eingesetzt worden. Damals gab es für den Kado – den meditativen Blumenweg- nur zwei Prinzipien: die Gottheit und den Menschen.
Blumen gelten nach altem japanischen Glauben als Yorishiro, als Objekte welche göttliche Kräfte anziehen.
Dieser Grundkonsens wird offenbar von Konfuzianismus, Buddhismus und Shintoismus geteilt.
Einen Grundkonsens gibt es auch zwischen der explizit modernen Schule des Sogetso-Stiles und der größten und ältesten Ikebana-Schule des Ikenobo. Zum Beginn der gut besuchten Ikebana-Zeremonie im Edwin-Scharff-Haus
erklärt die Meisterin des Ikebana Seikei Sachiko Oishi-Hess das Yorishiro als die Urreligion Japans, deren Grundidee sei: „Wir laden Gott in die Blume ein.“ Die Idee der Kuge, der Opferblume komme aus dem Buddhismus. Heute sehe man Blumen nur noch als Schmuck. Im Prozess der Gestaltung eines Ikebana-Blumengestecks sei die Dankbarkeit der Blume gegenüber eine tragende Haltung.

Konservative Restauration führte zu starreren Regeln, Öffnung zu freien Stilen

1542 gab Ikenobo Senno, der Gründer der gleichnamigen Schule dem Blumenstecken erstmals einen festgeschriebenen ästhetisch-religiösen Sinn. Dies geschah sicher nicht zufällig zum Beginn der weitgehenden Abschottung Japans vom Außenhandel.Der Tatehana(stehende Blume) Stil hatte, laut Oishi Hesse, mit Gott und Mensch nur zwei Prinzipien. Vor dem 15. Jahrhundert war das Ikebana auch eine reine Männerdomäne. In beinahe turniermäßiger Form wetteiferten die Edelmänner vor der Zeit der ästhetischen Schulen um den Rang des Besten Blumensteckers. Die Meisterin gestaltet,wie bei der Lesung japanischer Lyrik im konzentrierten Beiwohnen ihrer Assistentin. 9 Teile hat die im 16. Jahrhundert von einem Ikenobo-Meister kreierte Form der Rikka. Sie soll das „All in einer Nussschale“ abbilden. Rikka heißt Gebirgslandschaft. Es gibt hier strenge Regeln für die zu verwendenden Materialien. Eigentlich darf nur Material das in Japan wächst verwendet werden, sagt Oishi-Hess augenzwinkernd.Dann greift die strahlende Frau zu einem wunderschönen Ast mit rosa-weißen Pfirsichblüten und steckt in in die anmutig längliche metallische Vase. Das zweite Element ein Schneeball, ist das Material für die Jahreszeit. Im dritten Element begegnet wieder die japanische Schwäche für Weidengewächse. Es ist eine Saalweide mit ihren im Winter glänzenden, flauschigen Kätzchen, ist sie besser als Palmkatze bekannt. Es ist eine angenehme Ruhe eingekehrt, in der Luft der Duft feiner japanischer Räucherstäbchen. Im Kado(Blumenweg), also der meditative Form des japanischen Blumensteckens, ist der Weg, also quasi Selbsterkenntnis durch die Blume, nicht das dekorative Gesteck das Ziel. Als Oishi-Hess abermals alte eine Regeln, nämlich das man nur beim Buchs ein Material für zwei Elemente nehmen dürfe bricht, zeigt sich ganz klar auch in der strengen Form die Auflösung .Auch als die Ikenobo-Meisterin erwähnt, früher seien es dreimal so hohe Gefäße gewesen, spürt man welch privilegierte Tätigkeit, die einst Adlige neben der Dichtung und der Teezeremonie beherrschen mussten der Kado im Japan der Restauration durch die Samurai gewesen sein muss. Das neunte und letzte unscheinbare Element ist ein gelber Zweig, schätzungsweise von der Orangen-Weide. Sie sei das Willkommen für Buddha.




Sogetsu: Schlichtheit und Klarheit im Wandel

1927 gründete Sofu Teshigahara in Tokio die Sogetsu-Schule des Ikebana. Sein Ziel war er die starren Regeln und religiösen Bande des Ikebana zu Überwinden, ohne aber seine ästhetischen Prinzipien und kosmischen Gesetzmäßigkeiten über Bord zu werfen. Schlichtheit und Klarheit waren nunmehr die Prinzipien mit denen der Tokioter seine Kunst Künstlern von Dali bis Picasso unterbreitete. Er ließ sich explizit von modernen Kunstbewegungen und Künstlern beeinflussen ohne aber seine Ausbildung in der Kunst die Elemente Himmel, Mensch und Erde durch die natürlichen Elemente Zweig, Blume, Vase und Blatt zum Ausdruck zu bringen, zu vergessen.Einfache Regeln und eine Verbindbarkeit der universellen ästhetischen Regeln Sogetsu´s mit allen Künsten machten von nun an Ikebana anwendbar auch für Nicht-Japaner und allgemein für breitere Gesellschaftsschichten. Das Gedenken der Vergänglichkeit, welches der Buddhismus so einzigartig ausgeformt hat, hat so, verbunden mit einem ganzheitlichen Blick auf die Welt und einer Schulung der Gestaltung unumstößlicher Gesetzmäßigkeiten die Tugenden der japanischen Innerlichkeit nach Außen gestülpt. In der Ausstellung zahlreicher Ikebana-Gestecke sowohl der Ikenobo, als auch der Sogetsu-Schulen im Erdgeschoss des Edwin-Scharff-Museums, sah man eine respektvolles Nebeneinander der Stile, welches eine Quelle der Lebensfreude und Besinnung waren. Nach der Beschäftigung mit zweien der noch zahlreicheren Spielformen des Ikebana zeigt sich das die Prinzipien des Ikebana den besonderen Weg Japans in die Modernisierung gut widerzuspiegeln vermögen.
Das Festhalten an der Natur, bei gleichzeitigem isolieren einzelner Elemente um ihr Wesentliches, ihre Idee zu synthetisieren ist ein Prinzip. Die mit dem Bauen auf das Näturliche verbundene Bejahung der Asymmetrie als Grundlage der nicht schematischen Anordnung, den Gesetzen des Schönheitsempfindens folgend ist ein Zweites. Ikebana lehrt, nach dem Prinzip der komponierten Improvisation, die Einsicht in die Bedeutung des Loslassens und der regelgeleiteten Neuzusammensetzung. Man mag bemerkenswert empfinden, dass Sogetsu 1927, zur gleichen Zeit wie Martin Heideggers bahnbrechendes Werk „Sein und Zeit“ seinen Anfang nahm. Ein Flyer vom Verein Ikebana International Biberach e.V bringt diese inspirierende japanische Anpassungsfähigkeit auf den Punkt.
„Strenge Gesetze, deren Anwendung – bei stets unterschiedlichen pflanzlichen Materialen – eingehalten, fallweise aber geändert und angepasst werden müssen – ein ideales Flexibilitätstraining schlechthin.“ Zum Schluss schloss sich der Japantag in Form des Kreises, welche rund in sich zurückgehrend in einer Teezeremonie für Reisende endete.


Blumen sind ein Spiegel.


Ich betrachte die Blume.


Die Blume betrachtet mich.


Ich – zur Blume geworden –


schaue mich an.


Veranstaltung:


Ikebana in Biberach


Ingrid Eichinger Ikenobo- Der Ursprung des Ikebana, Freitag 5.April 2019, 18.30-20.00 Uhr, Vhs Biberach Foyer


weitere Informationen und Veranstaltungen unter: http://www.Ikebana-biberach.de

Zu Fragen zum Thema Ausbildung in Zenmeditation und der Kunst des Kado: sachiko@web-hess.de












Ajin Sof





AUM


Soreal
So da
So fern
So nah


Überall
doch konkret
ganz gefasst
geschöpft
und ausgelassen


In dich
fährt Intension
Zusammenziehung
erfährt in dir Union


Ganz Schönheit
Ganz Weisheit
Ganz Schale
für Wille


füllst du dich
im Überlaufen
Liebesbrunnen
Intention ist untertauchen


Gefährtin
Fahrzeug
freier Raum

Ajn Sof
AUM

(Daniel B., 01.02.2019)

Ajin Sof: Ajin Sof ist laut der Kabbala(jüdische Lehre der Auslegung der heiligen Schrift) die unendliche Ausdehnung; der Zeit, Form und Bewegung innewohnen.

Das japanische Gedicht als Form der Veränderung









An der Schwelle der Moderne: japanische Lyrik im Edwin-Scharff-Museum Neu-Ulm

Von Oktober letzten Jahres an lief die Ausstellung „Wie ein Traum!“:Emil Orlik in Japan.Am ersten Museumstag am 11. November 2018 wurde die Sehnsucht nach japanischer Weltanschauung und Weltgestaltung, welche die Holzschnitte und Bilder Orliks vermitteln, erstmals in Neu-Ulm tätig vergegenwärtigt. Dabei gab es Führungen durch die Ausstellung Orliks, der als reisender Künstler und Kunsthandwerker vor allem von der Exotik japanischer Farbholzschnitte und Alltagsszenen inspiriert war. Am Ende des reichen Tages erklärte der Japanologe Alexander Beck die spannende Nähe von Vergangenheit und Erneuerung die bis heute in Japan mit Händen zu greifen sei. Diese Nähe konnte den Besucher der Lesung japanischer Literatur schon in der Ikebana-Ausstellung im Erdgeschoss lebendig faszinieren. Aber zunächst zur Literatur. Das Ehepaar Ikeda hatte sich die Mühe gemacht ihre Texte mit der Ausstellung von Ausschnitten Emil Orliks und anderer Künstler zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Thema Japan zu harmonisieren. In der gut besuchten Lesung im ersten Stock des Edvin Scharff Museums entfaltete sich die ganze Schönheit japanischen Sprachvermögens, entfaltete sich die stumme Sprache der Bäume, Augenblicke und Vergänglichkeiten in Klang und Wort.

Die Übersetzerin Isolde Kiefer-Ikeda und ihr man der Professor für Germanisik an der Universiät Tokio Nobuo Ikeda lesen Gedichte aus der Umbruchszeit im Japan um 1900

Zenkunst: Waka das japanische Gedicht im Strudel der Modernisierung

Streng genommen wird meist nur Shodo, der Pfad des Schreibens, die japanische Form der Kalligraphie, als Zenkunst bezeichnet. Als man aber die Abneigung gegen die Fremdheit des formalen japanischen Ausdrucks in den GedichtformenTanka und Haiku, aufgrund von einer tiefen ästhetischen Berührung überwunden hat, tun sich einem Tore zur Faszination an japanischer verbaler Ausdrucksform auf. Bis in die Entstehung der Lesung wirkt die geradlinige Weisheit hinein, die auch die heftigen Strudel der Modernisierung nicht entkernt zu haben scheinen. Der Ehemann Nobuo Ikeda, Professor für Germanistik in Tokio, hat die Texte ausgewählt. Seine Frau Isolde Kiefer-Ikedo hat sie übersetzt. Er wiederum trägt vor und sie schweigt konzentriert dazu, als ob sie die haltende Kraft der Lesung wäre. Bei der Ikebana-Zeremonie später wird uns diese Wertschätzung der Anwesenheit und Beziehung wiederbegegnen. Der Zen-Buddhismus als die Form, welche mit der weitgehenden Abschottung Japans von der Außenwelt, nach einem nur schwer zu unterwerfenden christlichen Aufstand, mit der Herrschaft der Shogune(Kriegerkaste der Samurai) bewahrt werden soll; verlangt strenge Unterordnung. Die Versformen Haiku 5-7-5 und Tanka 5-7-5-7-7 wurden aber auch in den Jahren der Reform nach der von US-amerikanischen Kriegsschiffen herbeigeführten gewaltsamen Öffnung Japans im Jahre 1853 beibehalten. Wie so mancher Mangafilm heutzutage, der mit tiefer Melancholie und Symbolsprache, die alte Ordnung in die neue fließen lässt entwickeln die Gedichte aus der Welt des fließenden Lebens, eine Atmosphäre der Gegenwärtigkeit, welche durch ewige Symbolsprache die drei Zeiten verbindet, anschaut und somit störende Gefühle verwindet. Ein Beispiel:

Regentag

Ich erinnere mich.

An den blaugrünen abgenutzten Glasschrank,

darin die in Holz geschnitzte Arzneirezeptur, Salpetergeruch …

und dass der Regen an diesem Abend leise fiel,

an die rotblauen Schwalben, die durchnässt nach Hause kamen,

und dass der Regen an diesem Abend leise fiel,

an die Augen der Frau,

die ihren Papierregenschirm zusammenfaltete und nach Sake verlangte …

wie er eine Glasflasche nahm

und stumm abfüllte … der kahlköpfige Angestellte.

Und dass der Regen an diesem Abend leise fiel,

an die Priesterin, die ihr Glöckchen läutete …

und an die phosphorzierende Seele vor dem Haus,

die den Schimmel der Gipswand berührte.

Ich erinnere mich.

Dass der Regen an diesem Abend leise fiel

und an das Gesicht meiner Mutter,

die das Messer aus der Scheide zog und sterben wollte,

daran, wie die rotblauen Schwalben schilpten.

(Kitahara Hakusu 1885-1942

Durch die Blume: Aus der Leerheit taucht eine eigenständige Ausdrucksfülle

Orlik´s Interesse, so Professor Ikeda, der Herausgeber einer Zeitschrift für deutsche Literatur in Japan ist, galt dem exotischen alten Japan. Doch zwischen 1901 und 1902, dem Zeitraum der Reise des böhmischen Künstlers der sich dem Wiener Jugendstil verschrieben hatte, befand sich Japan schon im Modernisierungsstrudel. Die im Weg der Wortes(Shodo) und der Blumensprache(Kado) des Ikebana tragende Beobachtung des Vergänglichen, als Mittel um die Einfachheit des Geistes zu vergegenwärtigen transformierte sich in der Kunst der fließenden Welt von dem im Westen als Vanitas-Topos vergleichbaren Blickwinkel der Seele zu einer Bejahung der Diesseitigen und der Vielfalt der zusammengesetzten Welt. Diese Bewegung hat ihre Ursprünge allerdings schon im 15. Jahrhundert als die im Buddhismus marginalisierten Kaufmännerschichten Japans immer mehr an Einfluss gewannen. In der Literatur und Malerei hieß das Genre welches die Vielfalt der Erscheinungen beispielsweise in der eleganten Welt der Vergnügungen, nicht nur symbolisch wertschätzte Ukio-e(Bilder der vergänglichen fließenden Welt). Schon 1661 umschreibt ein japanischer Schriftsteller diesen bürgerlichen Stil wie folgt:

Für den Augenblick leben, Mond, Sonne, Schnee, Kirschblüten und Ahorn betrachten, den Wein, die Frauen und das Dichten lieben und sich im Strom des Lebens treiben lassen wie ein Kürbis, den die Strömung des Flusses fortträgt(…)Das ist es, was man die fließende, vergängliche Welt nennt.“

(Asai Ryoi, 1612-1691)

In den Jahrzehnten nach der Öffnung Japans, das von den 1630 Jahren bis 1853 ausschließlich mit der niederländischen Ost-Asien-Gesellschaft Handel getrieben hatte, fungierten die Dichter laut Isolde Kiefer-Ikeda als Erneuerer. Trotzdem wurden aber tradierte Formen die Tanka und Haiku beibehalten und mit neuen Inhalten gefüllt. Durch den folgenden Tanka von Masaoka Shiki spürt man die Nähe zwischen Innovation und Tradition in der japanischen Kunst stellvertretend für viele stimmungsvolle Beispiele des vermuteten Entstehungsherdes aller japanischen und japonesquen Ästhetiken weben:

Wie Sand am Meer

gibt es Sterne am Himmel

doch ein einziger lässt seine

hellen Strahlen auf mich allein

fallen

(Masaoka Shiki, 1867-1902)

Der durch die buddhistische Geistesschulung, welche die bedrohte Herrscherklasse der Samurai in den Zeiten der Abschottung allen Schichten verordnete, konnte wohl in Japan eine Ästhetik von bemerkenswerter Tiefe entstehen. Durch die neuen Einflüsse, die geballt ab Ende des 19. Jahrhunderts auf das lernwillige Japan eindrangen, entfaltete sich eine zudem eine bemerkenswerte Kultur der Individualität, und das aus einer Weltanschauen, welches das Konzept des Ich´s als solches verwirft.

Die Lesung zeigt:Wille, Weisheit und Wirklichkeit aus tiefer Anschauung gewonnen, prägen sich in der neuen Generation von Dichtern voll überraschender Abstraktionen und Konkretionen in Gedichte im traditionellen Format. Die alten Formen sind in Japans Dichtung ,zumindest im ausgehenden 19. Jahrhundert, anders wie es die westliche Ansicht: Neuer Wein müsse in neue Schläuche, suggeriert, immer noch die rechte Form.

Gedanken

Die Feigen und meine Träume

schweben auch heute noch

voll in der Luft

(Kitahara Hakushu, 1885-1942)

Sehnsucht und Formprinzipen

Die aus der Ich-Perspektive erzählten Kurzgeschichten von „Träume aus zehn Nächten“ machen den Schluss der Lesung. Hier spiegeln sich alle Stilmerkmale wieder. Die erste Kurzgeschichte vermittelt, dass ein Mädchen sterben wird. Genaue und empathische Beobachtungen „ihre feuchtglühenden starken Pupillen schauen klar mein Bild“ fesseln den Hörer. Die Dichtheit der zweiten Geschichte zieht einen durch die Aufforderung des Mädchens an ihr Gegenüber sie zu begraben in den Bann. Die „Sternscheibe“ als Grabbeigabe und die Perlmuschel mit der das andere Mädchen das Grab im Mondschein gräbt verursachen eine Art hypernatürliche Entrückung. Zum Ende wird der Text der um 1900 geschrieben wurde märchenhaft. Das Mädchen muss 100 Jahre an dem Grab warten. Als in der fünften Geschichte, keine Zahl schien zufällig, im Grab eine Lilienblüte, bis zur Höhe des Herzens des Mädchens entspringt, weiß das Mädchen, dass die 100 Jahre vorbei sind. Vielleicht waren auch die Jahrhunderte der selbst verhängten Abschottung Japans nötig um durch die Verinnerlichung der alten äußeren Kampfkünste und Kulturtechniken innerlich so stark zu werden,dass die Moderne den Wesenskern Japans nicht auszuhöhlen vermochte. An Ikebana, dass einerseits, eine 550 Jahre alte Tradition hat und zugleich seit Beginn des 20. Jahrhunderts in der Ikenobo-Schule im Gespräch mit moderner Kunst sich transformierte, werden wir im nächsten Artikel sehen, wie das spirituelle Element eine Brücke zwischen Tradition und Innovation schlagen kann, wenn es sich nicht über die Gebühr selbst behauptend verhärtet.

Link zum Anschlussartikel:

https://derweiserabe.com/2019/02/23/flexibilitaetstraining-durch-die-blume-kado-ein-japanischer-weg/

Gleis 44: Veranstaltungszug 2019 geht aufs Gleis

 

 





Während die Jungs und Mädels vom Gleis 44 den Januar weitgehend für eine Auswertung des äußerst bewegten ersten Sommers in dem großstädtischen Jugendzentrum nutzten,geht der Veranstaltungszug der Location im September wieder mit Volldampf aufs Gleis.
Das Gründungsmitglied Samuel erzähle mir die Positiv- und Negativerfahrungen die im
Medium des kreativen Chaos die ersten Monate des Gleis 44 geprägt haben. Darauf basierten,
so meint Samuel, die Verfeinerungen alter Veranstaltungsreihen und das Weglassen alter Schienen.
Doch zunächst die Entstehungsgeschichte des Ortes im Ulmer Dichterviertel.Am Anfang stand die Nachricht, dass die Stadt Ulm ein altes Gebäude der deutschen Bahn, statt eines anstehenden Abrisses als Jugendzentrum ausgeschrieben hatte, allerdings ohne Bezuschussung. Drei Jungs von der Waldorfschule Illerblick am Ulmer Kuhberg schauten sich die Location an, verliebten sich und bewarben sich. „Ganz verzückt und überwältigt“ seien die Jungs gewesen, als sie den Zuschlag für 3 Jahre Gestaltung des Gebäudes mit recht umfangreichem Außenbereich bekamen. Schnell
scharte sich um die 3 ein Kreis von 30 Helfern, welche nochmals unterstützt wurden von einem Kreis von 50 sporadischen Helfern. Nun wussten, so schildert Samuel lebhaft, „manche Räume aufgebrochen werden“ um ein Bild von Mäusekot und Spinnweben preiszugeben. Nach der ausgedehnten Grillparty zur Feier des Zuschlags kamen von März 2018 bis September Monate der intensiven Umbauarbeiten auf die Crew zu. Ende Juli zum Schwörmontag flog in Form einer Technoparty in den wildromantischen Räumen eine erste Testsonde aus, deren Ergebnis eine Bombenannahme war.


Aller Anfang war geil



Die Location befindet sich in der Schillerstraße 44 im Ulmer Dichterviertel.Das Gleis 44, so nannte der Kreis hemdsärmeliger Schaffer und genüsslicher Fester den Ort wohl wegen seiner Bahnvergangenheit hatte mit seiner ersten Party bei den Machern fette Motivationsschübe und bei den Besuchern hohe Erwartungen ausgelöst.
Mutig nennt Samuel den Schritt der Stadt, ein Kulturzentrum für junge Leute mit Raum für Hip Hop Battles, Theater, Joga, Upcycling-Cafes und klassische Musik zu gleich zum „Resident“ des vormals städtischen Gebäudes zu küren. Der Organisationstil des einfach machen wenig denken, hatte sich in den vergangenen Monaten als praktisch und hochinspirierend ausgewiesen, meint Samuel.“Einer hat eine Idee und die anderen lernen und haben kleine Abenteuer beim Ausführen dieser“, meint der gemütliche 20-Jährige mit seinem dicken Strickpulli in rötlichen Tönen. Samuel,der beim Gleis 44 für Marketing und Werbung verantwortlich zeichnet, genießt es auch, dass auf dem Gleis ein breiteres Aufgabenspektrum gibt, wie beispielsweise mal die Heizung zu reparieren, wenn die kaputt gegangen ist.
Ärmel hoch krempeln kann er und während im Innenhof, wo ein Biergarten entsteht, eine Statue
mit Anleihen an das Trojanische Pferd entsteht, sieht er sich als Rammbock, der große Acts solange nervt, bis sie ihr Equipment über den zwei Floors der alten Werkstätten im Erdgeschoss des mittlerweile mit einigen Ausstellungen verschönten Gebäudes ausbreiten und damit Publikum anziehen. Die Ausstellung „Wir bauen ein Haus“ beispielsweise wird am Samstag dem 09. Februar mit Sektempfang in dem Räumen des Gleis 44 eröffnet.



Von Klassik über Techno bis zu internationalen Acts


Werbung beim Gleis 44 läuft zur Zeit vor allem über Facebook und Instagramm. Die offizielle Eröffnung am 01.09.war ein Selbstläufer, „gefühlt von der ganzen Stadt gehypet“ platzten Gebäude und Gelände vor Menschen mit guter Laune aus allen Nähten.Hier trat,hernach auch in den Medien sichtbar, das zweite Mal das kreative Chaos, als Raum und Freude, im Medium von Musik, Wahrnehmung und Stoff zu Tage. Bei dem Event sah man das Techno-Fans etwas für Techno-Fans erschaffen hatten, welche in der Interaktion mit den Gästen zu etwas noch größerem explodierte. Das Gleis 44, welches sonst nicht
mit Geldern der Stadt gefördert wird finanziert sich rein durch Getränkeerlöse
und DJ-Kombinate, wie beispielsweise das Kollektiv Schillerstraße tragen mit ihren großen Partys
das Projekt. Oben gibt es Räume für Joga und Upcycling-Cafe´s.Mit dem Minimal von Sceptical und dem Basshouse von Marten Horger hat Samuel zwei internationale Acts für den Februar an Land gezogen auf die man sich definitiv freuen darf.
Eine Erkenntnis Samuels aus der Zeit des wilden ungeplanten Booms:„Kreatives Chaos ist geil aber auf Dauer ziemlich anstrengend.“ Im Januar wurde auf dieser Erkenntnis fußend entschieden, dass es nun einen festen Barkeeper in der neben den beiden Dancefloors und dem Raucherraum vorhandenen Bar geben soll und eine langfristigere Terminplanung. Das ist auch nötig weil viele der ehemals 50 Helfer drumrum wieder ihr eigenes Leben leben. Samuel hingegen hat nach dem er eine Reisephase beendet und ein Studium geschmissen hat eine Sechzigstundenwoche im Gleis. Seine Eltern waren davon zunächst gar nicht begeistert, seit es aber läuft schon eher, studieren will er aber frühestens in 2 1/2 Jahren, falls es keine Nachfolgeprojekt für die 3 Jahre im Gleis mehr gibt.


Was sich 2019 verändert



Eine Negativerfahrung sei der Weihnachtsmarkt gewesen. Alle dachten voll coole Idee ein alternativer Weihnachtsmarkt im Biergarten. Dann habe sich aber gezeigt, dass zu wenig Leute gekommen seien, sie hätten Miese gemacht. Das Wagnis der Reihe „Entgleisungen“ hinter der sich
klassische Konzerte verstecken, habe hingegen großen Anklang gefunden, schildert Samuel. Es gab viele Spenden und das Gleis-Team konnte aus einem deutschlandweiten Netzwerk aus jungen Musikstudenten schöpfen, die Lust hatten in einem Club zu spielen. Gerade laufe eine Anfrage um Fördergelder der Stadt für ein Klavier, von der der Start der Reihe, die im März beginnen soll, noch abhänge. Zu den festen Veranstaltungsreihen:Soul a Gogo, der Name ist vom Inhaber des Plattenladens Sound Circus, biete jeden ersten Samstag im Monat live Soulkonzerte. Am 02.02 beginne die Schiene erstmals mit DJ. Jeden 2. Samstag im Monat gibt es Orienttechno und und mit schwarzen berliner Bässen unterlegten Afro-House von Baghira Drums. Die gefeierte Ulmer Nachwuchsband Roadstring Army wird Donnerstag den 14. den Indieabend beschallen.
Unter den Labeln „Rebell Hifi“ für Reggae und 44 Pointz“ für Hip Hop seien Acts der beiden Genres monatlich gesetzt. Freuen tut sich Samuel kurzfristig auf die Show vom House Topact Marten Horger am Freitag 08.02 ab 22 Uhr und mittel- und langfristig auf die Eröffnung des Biergartens in dem entspannte Musik von DJ´s Tacos, Burritos und Veganes mit einer breiten Palette an Getränken gereicht werden sollen. Die Herren des Trojanischen Pferdes haben sich auch einen alten LKW gekauft, den sie gerade zum Foodtruck ausbauen und mit dem sie gegebenenfalls nach dem Projekt weiterfahren können.Bevor es vielleicht dazu kommt darf man von dem hochmotivierten Team erst mal einige sub- und hochkulturelle Impulse erwarten, welche den Hochgenuss an der Stadt Ulm definitiv verbreitern und vertiefen werden.

Weitere Infos, Bilder, Termine unter:  gleis44.de

 

Am Freitag, 08.02 gibt sich ab 22 Uhr Marten Horger an den Turntables die Ehre
DJ´s beim üben auf dem großen Dancefloor im Gleis 44