Man muss das Eigene so gut lernen wie das Fremde

Thea Dorn sprach in der Ulmer Stadtbibliothek über aufgeklärten Patriotismus und Europa

200 Gäste hatten sich im Erdgeschoss der Stadtbücherei Ulm eingefunden als Thea Dorn, in einem Gespräch mit der Dramaturgin Nilufar K. Münzing, über aufgeklärten Patriotismus, ihre Auffassung von Heimat und ihre Ansichten zu Europa zur Sprachen kam.Das Gespräch mit der renommierten Schriftstellerin aus Hessen, sollte laut der einführenden Ulmer Kulturbürgermeisterin Iris Mann, einen Denkanstoß für das „Internationale Fest“ am 4.05. in Ulm geben. Ulm sei eine internationale Stadt, in der es einerseits selbstverständlich sei, dass 140 Nationen relativ friedlich zusammenlebten. Andererseits sei diese Vielfalt manchmal auch eine Herausforderung, die uns zwinge uns mit unserem Eigenen zu beschäftigen. „Wie viel Stolz auf Deutschland darf sein“, fragte die Kulturbürgermeisterin? Und wieviel müsse sogar sein um selbstbewusst auf Andere zugehen zu können? In den letzten Jahren sei eine Verunsicherung bei den Deutschen Intellektuellen zu spüren gewesen, da immer wieder Äußerungen aus deren Reihen laut wurden, die nicht ins alte Bild passten.

Deutsch nicht dumpf

Thea Dorn die mit Belletristik in den 90er Jahren ihre ersten Romanerfolge feierte und laut eigener Aussage eine starke „Anhänglichkeit an die Deutsche Kultur“ hat, ist da vielleicht eine gute Ratgeberin. Gerade nach dem großen Buch von 2011 „Die deutsche Seele“ und dem 2018 veröffentlichten „Deutsch, nicht dumpf. “Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten“, in denen sich diese Eigenschaft noch mehr niederschlägt. Mann charakterisierte die Offenbacherin die in Berlin lebt gar als „Intellektuelle im descartschen Sinne, die es verstehe, Impulse zu geben ohne sich von einer Seite vereinnahmen zu lassen. Patriotismus: Vieles ist nachvollziehbar, nicht aber sich auf Trumps Seite zu schlagenIm Gespräch mit der auf reizende Weise Intelligenz und äußere Schönheit auf sich vereinenden Nilufer Münzing, bekam zunächst die Zeitwahrnehmung Dorns viel Raum. 2011 als sie mit dem Buch „Die Deutsche Seele“ in dem sie „liebevoll kritisch“ in Begriffen wie „Abendbrot“, „Wanderlust“, „Abgrund“ und „Zerrissenheit“ der deutschen Seele nachspürt, unterwegs war, hat sie die Stimmung in Deutschland noch anders wahrgenommen. Sie macht es daran fest, dass damals noch keine Partei im Parlament saß, welche den Begriff deutsch auf dumpfe Weise im Munde führte. Sie will auch nicht in den Diskurs „Ich darf jetzt endlich wieder deutsch sein“ einstimmen. Vielmehr springt hier ihr leidenschaftlicher Verstand an. Es gebe im Allgemeinen zwei Lager: Erstens die Kosmopoliten, die international vernetzt seien und auf den Begriff Patriotismus allergisch reagierten. Zweitens seien da die Nationalisten, die ihren Fokus primär nicht auf ihre Anhänglichkeit an das Liebenswerte am eigene Land setzten, sondern auf das was nicht dazu gehöre. „Ich habe einen breitgefächerten Freundeskreis, von ziemlich weit links und ebenso rechts in Berlin“, eröffnet die jung gebliebene 49 Jährige. Wegen Abdriften nach Rechts seien auch dort wie in den USA Freundschaften zerbrochen.Nach ihrem Amerikaurlaub, hätten Freunde in Deutschland zu ihr gemeint: „Hauptsache der Linksliberale Mainstream hat einen auf den Deckel bekommen.“ Vieles könne sie nachvollziehen, nicht aber sich auf die Seite Trumps zu schlagen.

Europa als Ort des gemeinsamen Besten?

Mit dem Goethefreund Johann Gottfried Herder, der sich mit dem Dichterfürsten verstritt, auch weil Herder die Französische Revolution 1776 gut hieß, erklärt Thea Dorn ihre Haltung zur Nation. Der sagte auf die Frage „Was ist eine Nation“: „Ein großer ungejäteter Garten voll Kraut und Unkraut.“ Hier seien „Vortrefflichkeiten“, „Fehler“ und Tugenden so unübersichtlich versammelt, das man nicht im Namen einer Nation das Schwert gegen eine andere erheben könne. Und gerade diese „Zerrissenheit“, auch ein deutsches Wort dem sie auf der Suche nach der Seele dieser Nation nachgeht, sei für die mit das spannendste an dieser Nation. Auch sei ihr Europa, als Ausgangspunkt des Kolonialismus, als der Ort so lieb, an dem das Abenteuer der Individualisierung begonnen habe. Herder bringt in seinem Zitat Menschen, Geschlechter und Nationen zusammen, wenn es darum ginge zu lernen, dass keines das allein auserwählte Volk sei, sondern alle in mannigfacher Verschiedenheit am Garten des „gemeinsamen Besten“ bauen müssten. In der Jugend galt es auch bei Dorn als Kosmopolit, „alles Allgemeine abzustoßen“, nun fragt sie sich nach der Rolle der Kultur aus der sie kommt und kann bei Lesungen mit Wanderschuhen dabei kleinen Käfern im deutschen Hinterland genauso viel abgewinnen wie Metropolen wo der ICE hält. Das globale Ich ohne Prägungen sei eine Lüge. Und „digital native“ Jugendlichen, die kaum noch deutsch könnten, seien kein Modell sondern ein Problem. Klar finde sie gut das jetzt endlich gegen arabische Clans in ihrer Wahlheimat Berlin vorgegangen werde. Das sei für sie Ausdruck einer selbstbewussten freiheitlichen Demokratie. Sie spräche 3 Sprachen ordentlich und könne sich schon als Europäer ansehen. Wenn Jugendliche drei Sprachen sprächen, aber richtig, dafür aber den ganzen Tag Bildchen wischend im Wohnzimmer säßen, sei das ein weiteres Problem. Man müsse gesellschaftlich auch die Frage stellen was mehrere Herkünfte ausmachten.

Das Grundgesetz als Wahlheimat?

Was den Begriff Heimat betrifft, so möge sie den Begriff Wahlheimat. Wenn es um Heimat gehe, sagten 80% etwas über Essen, dann folgten Gerüche und Lieder, bei denen das Gefühl von Heimat aufkäme. Sie sei in der Jugend 10 Jahre lang immer mit ihren Eltern in die Brittannie gefahren, der Begriff Heimat habe als auch eine Schicksalskomponente. Heimat habe etwas mit Sicherheit und Geborgenheit zu tun. Herder habe gesagt: „Heimat ist dort wo ich mich nicht erklären muss.“Hier müsse man sich nicht dafür entschuldigen wie man ist. Deshalb möchten, so viele Berlin als Wahlheimat. Weil man hier anders als manchmal im Herkunftsort, sich nicht dauernd rechtfertigen müsse.Wenn Heimat so etwas wäre, wie eine verlorene wahre Kindheit, was wäre dann ein Heimatministerium, etwa ein Ministerium für die wahre Kindheit? Alle lachten. Vielleicht birgt das dornsche Gespäch mit Marc Jongen, ein philosophischer Schüler Peter Sloterdijk´s und kulurpolitischer Sprecher der AFD im Bundestag, das ihr zu Folge bald im Deutschlandfunk ausgestrahlt werden soll, dahingehend mehr Aufklärungspotential? Wenn Deutschland politische originell wird, dann geht immer viel zu Bruch, meint die Publizistin, die sich nach dem Mitbegründer der Kritischen Theoretie Theodor Wiesengrund Adorno benannt hat. Kulturpatriotismus und das habe sie auch in dem Gespräch mit Jongen erfahren, diene oft zunächst als Grundlage für die Ausgrenzung Anderer. Als sie eine Dokumentation über einen Syrer der Förster wird, ganz ohne die Waldmetapher in der deutschen Literatur, gesehen habe, habe sie das berührt. Wer sage, da stimme etwas nicht, sei kein Patriot sondern ein Rassist. Im herderschen Sinne, sei das Deutsche Grundgesetz eine Heimat angeleitet von einer Leitzivilität, die als Konsequenz der Hybris einzelner Nationen als auserwählter Völker entstanden sei. An ihre äußerst anregende kurze Lesung aus „Deutsch nicht dumpf“ wo sie einen Europafreund und einen Europagegner disputieren lässt schließt sie philosophische Erwägungen an. Am Grunde der Europäischen Geschichte stünden Sätze wie die des dunklen Heraklit: „Der Gott ist Tag und Nacht, Winter und Sommer, Krieg und Frieden, Überfluss und Mangel.“ Oder „Der Krieg ist Vater von Allen, König von Allen.“ Auch stünden zwei widerstrebende Pole der vom „Vordenker“ und Feuerräuber Prometheus und der des gottergebenen Märtyrers Jesus am Ursprung der europäischen Zivilisation. Die östliche Kultur fände in ihrem Jin- Jang-Symbol einen höheren ausgleichenden Pol. Europa ob Individualisierung ob gewaltsame Inbesitznahme der Welt, halte den Widerstreit aus.

Die europäische Kultur: Grundlage Freiheiten zu teilen

In China sehe man gerade wo westliche Datentechnologien ohne den Geist der Aufklärung und kritische Individuen hinführten. Was Big Data betreffe gehe es nicht, dass Künstliche Intelligenzen Schlüsse zögen,die Menschen aufgrund von unermesslichen Datenmengen als Grundlage nicht mehr nachvollziehen können. Bildung sei wichtiger denn je. Denn heute drohen die Menschen durch die Annäherung an Algorithmen mehr und mehr technikgetrieben zu werden.Der europäische Kerngedanke sei jedoch, dass man durch Bildung zu einem verantwortungsfähigen Menschen werden könne. Identitätspolitische Gemeinschaften neigten zur Homogenisierung. Der deutsche Kräutergarten und seine Zerrissenheit in Ähnlichkeit,sei ein gutes Beispiel. Wie man von der Gemeinschaft wieder zur Gesellschaft kommen könne. Wanderstiefel und der Besuch kleiner Käfer mit kulturell Verbindendem im Gepäck seien dabei das dornsche Mittel. Kulturkenntnis und Kulturschutz seien dabei zwei verschiedene Paar Stiefel. Denn wie sagte laut Dorn schön Friedrich Hölderlin: „Man muss das Eigene so gut lernen wie das Fremde.“

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Author: farounfirewater

Ich bin der singende tanzende Aufwind der neuen Welt

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