Rentenkabarett mit Hut und Feder

Christa Mayerhofer mit Rentnermoritat im Gewölbe Neu-Ulm

Neben dem Kino in Neu-Ulm, wo oft mit den breitesten Pinseln die größten Bilder gemalt werden, eröffnet sich über eine Brücke hinabfahrend plötzlich eine beschauliche Welt. In einem der, im Vergleich zum Roxy-Areal in Ulm, kleinen Gewölbekeller der ehemaligen König-Ludwigs-Festungsanlage wohnt die Kleinkunstkneipe „Gewölbe.“ Als Christa Mayerhofer nach einem gemütlichen Mahl der Gäste und ihrem Salbeitee zusammen mit ihrem Kontrabassisten Ralf Miller die Rentnermoritat anstimmt, gibt es keine Bühne. Auf einer Ebene mit ihrem Publikum steht sie und so ist auch ihr Kabarett über das Rentendesaster. Anteilnehmend, die 72 Jährige freischaffende Künstlerin ist selber Rentner, scharf links und menschlich. An vier Symbolen lassen sich Thesen des abendfüllenden Programms komprimieren. Der Feder, die sie an ihrer Mütze trägt, als Symbol des Mitgefühls. Dem Rententopf als Symbol der Fürsorge und des Anteilnahme. Dem Spendenhut als Symbol der Wertschätzung. Und der Pfandflasche als Zeichen des Ausgleichs zwischen prekärer Selbstversorgung und politischer Solidarität. Mayerhofer ist bekennende Linke mit Parteibuch und den Spendenhut erklärt Meister Eckart vom gleichnamigen Kuriositätenkabinett als ein Gefäß in das man bei einer Liveveranstaltung mit Wohnzimmeratmosphäre durchaus auch mehr als Klimpergeld tun soll.Wenig klimperlich und zimperlich verbindet Mayerhofer dann Musik mit der emotionalen Aufarbeitung des Rentenchaos anhand der Geschichte einer “Armutsrentnerin” die sich wehrt von “den” Medien als sozial schwach angesehen zu werden.

Rentenformel liest sich wie ein böser Arztbericht


Die ehemalige Putzfrau im Krankenhaus, fühlt sich nicht als selbstverschuldete Armutsrentnerin, sondern sieht ihre Arbeitsleistung als „Wischen gegen Viren“ als ebenso wertvoll an, wie die des operierenden Arztes. Nur habe sie jetzt eben bei Mieten von 600 Euro in Ulm, ihre 900 Euro Rente, ohne Erbe und Eigentum.Sehr gefreut habe sie sich auf ihr Altenteil, ihr Rentenbescheid mit dieser undurchschaubaren Formel, habe sich dann aber wie „ein schlimmer Arztbericht“ angefühlt.Eine Insel der Geborgenheit und der Entspannung der informierten Sinne boten die heimatorientierten Lieder. Im bayrischen Dialekt vorgetragen, der laut der Salzburgerin bis in ihre Herkunftsstadt in Österreich reiche, konnte auch mitgesungen werden. Das die soziale Misere der Aberkennung von Arbeitsleistung noch tiefer in die Gesellschaft ausgreift, veranschaulichte sie am „Zeitungsjoe“ der sie als sozial schwach betitelt hat, selber aber Geisteswissenschaften studiert hat, und als Kleiner am Zeitungsdrücker, gerne auf die noch Kleineren losgehe. Heute müsse man MINT studieren: Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Wer in der Industrie 4.0 Geisteswissenschaften studiere, sei geisteskrank und armutsgefährdet, denn wie Annegret Kramp-Karrenbauer klar mache, müsse die Rente für die Wirtschaft bezahlbar bleiben.Das Flaschenpfand das Jürgen Trittin, der linke Grüne, eingeführt habe, solle von 25 auf 50 Cent erhöht werden.Denn wenn die Rentnerin, die Zeitungen austrägt schaue sie auch an und in den Mülleimern nach einem Zubrot durch Pfandflaschen. Einen Wasti als Preis lobe sie deshalb für den Politiker aus, welcher das Flaschenpfand auf 50 Cent pro Stück erhöhe. Die staatstragenden Beamten seinen seit Bismarck und Hitler die Hauskatzen die gehegt und gepflegt würden. Die im Niedriglohnsektor seien die Hofkatzen, die nicht mehr rein gelassen würden und die nachgewiesenermaßen durchschnittlich Jahre früher versterben würden.

Merkel beim Tafelladen

Die liebe Rentnerin die nach ihrer Tour im Stadtkarten ihre Jausen isst würde Angela Merkel gernemal ihr Leben in Ulm zeigen. Sie sei fair würde ihr zeigen wie man an eine Lobbycard für vergünstigte Veranstaltungen komme. Nur müsse sie beim Shopping in der Caritas-Boutique meist auf mintgrüne und pinke Kleider zu Gunsten eines schlichten beige verzichten. Verzichten könne die Rentnerin, denn sie sei ein Nachkriegskind, eine Dose Linsen halte bei ihr auch mal 2 Tage.Mut zur Lücke habe sie auch schon früher in der Arbeitsbiographie gehabt, nur mit der Zahnlücke wolle sie als Arme sozial starke Frau, nicht vorlieb nehmen.Manche Formulierungen verfallen bei Mayerhofer dann einer meist aus den geschichtlichen Bezügen des Klassenkampfes gespeisten Überzogenheit. Der Behauptung„In der Arbeit wird man verheizt, dann verkohlt und später ausgemerzt“ spiegelt wohl zum Glück nicht ganz die gewöhnlich bundesdeutsche Arbeitsvita, weist aber im Sinne eines „wehret den Anfängen“ auf Gefahren der entsolidarisierten Leistungsgesellschaft hin. Der Aussage von Ex-Kanzler Gerhardt Schröder „Deutschland hat den besten Niedriglohnsektor“, stellt die Linke Künstlerrentnerin ein „Wer Rentner quält wird nicht gewählt“ entgegen.In das geheimnisvolle Epizentrum christlicher Weltanschauung dringt die Salzburgerin zum Schluss der ersten Hälfte ein. Matthäus 25,29 besingt sie mit den Worten: „Wer viel hat dem wird viel gegeben und wer wenig hat dem wird alles genommen.So stets bei Matthäus geschrieben und so ist es bis heute geblieben.“

Arm oder reich im Tod sind alle gleich

In der Pause konnte man den Reichtum der linken Kultur im Gewölbe anhand von Mären von wöchentlichen Veranstaltungen und Stammtischen über den jährlichen Mittelalter Markt bis zum hochkarätig besetzten Kleinkünstlerfest 2018 bestaunen. Und das alles im Winter bei Ofenhitze und sommers in einem idyllischen Innenhof. Früher hätten die Christen das Leben ja ins Jenseits vertagt, der Pfarrer habe die Armen beschwichtigt. „Ob arm ob reich im Tod sind alle gleich.“ Die Ulmer Rentnerfrau mit ihrem Schurz mit vielen Taschen jedoch möchte sich bei Gunter von Hagens die Sonderkondition der Lebendbezahlung für die Körperplastination im verstorbenen Zustand aushandeln. Grund: Sie sehnt sich nach einer Baumbestattung mit Wind, Erde, Wurzeln und Ruhe, die sie sich aber mit ihrer Rente nicht leisten kann. Früher sei das Zentrum der Welt der Heilige Stuhl gewesen. Heute sei es der Kapitalismus. Körperwelten im Blautalcenter Gipfeltreffen der Verfügbarmachung von Welt und Dingen. Die Ente am Bach im Park, sei zu ihr hergekommen als sie sie mit dem alten Brot das ihr geschenkt worden sei fütterte. Dann habe sie noch eine weiße Feder von sich dagelassen, das sei Mitgefühl im Austausch. Oder die Leute vom BUND für Naturschutz, die säubern die Vogelnester, ja die kümmern sich noch um die Wesen. Der Kapitalismus der sei für ein reichen Herz auch wie eine Scheibenwelt. Er drehe sich immer schneller um sich selber und dränge die Rentner ab, bis sie dann runter vielen. Gleichzeitig habe die Politik in den letzten Jahren die abgeschafft und den Spitzensteuersatz von 56 auf 42% gesenkt. Eine Perspektive biete da der linke portugiesische Politiker Antonio Costa, der die Erbschaftssteuer in Portugal eingeführt habe; hier sähe man andere Wege und Perspektiven.

Die Eliten naschen aus dem Rententopf

In Österreich zahlten alle in den Rententopf ein. Niemand rühre den Gemeinschaftstopf für rentenfremde Kosten an. In Deutschland jedoch, so die Schweizer Tageszeitung NZZ „bediene sich jeder Finanzminister für versicherungsfremde Leistungen daran und deshalb schwinde der Topf.In Zeiten der Hochkonjunktur aber gebe es einen Rekordüberschuss von 58 Milliarden Euro. Es werde aber nichts ausbezahlt. Soviel zum wer hat dem wird gegeben werden. Sagte der Tribun der Christen nicht auch „Gebt so wird euch gegeben werden, ein volles, gerütteltes, gedrücktes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben.“ In Deutschland wurden die Sozialwohnungen in den letzten Jahren weitgehend von den Kommunen verkauft. In Wien, mit traditionell vielen sozialitischen Bürgermeistern gebe genug sozialen Wohnraum. Ein Quadratmeter zu 5 Euro. Auch das sei möglich

Vorbereitung zur Denkrichtungsänderung

Nach dem Christa sich wie eine Sufitänzerin mit ihrem roten Hut mit langem Bändel um die eigene Achse gedreht hatte um die Politiker, quasi in der linken Drehung der kapitalistischen Erd-Scheibe, auf andere Gedanken zu bringen, sangen alle gemeinsam das bayrische Liebeslied „Weit,weit weg“ von Hubert von Goisern. Der Spendenhut als Zeichen der Gemeinschaft, die solidarisch alle trägt und gerade die, die gegen die Herrschenden das Maul auf machen, füllte sich reich. Und Christa als Stellvertreterin der starken und selbstbestimmten Rentner war ganz groß mit Hut und Feder.

Links:

http://www.rentnermoritat.de

http://www.gewoelbe.nu

fb: gewoelbeneuulm

Die nächste Auffühung der Rentnermoritat findet am

03.04 um 19.30 Uhr im sozialen Cafe Canape´ in der Söflingerstraße 158 in Ulm statt.

Author: farounfirewater

adveniat regnum tuum

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