Flexibilitätstraining durch die Blume: Kado ein japanischer Weg

Blumen sind ein Spiegel.


Ich betrachte die Blume.


Die Blume betrachtet mich.


Ich – zur Blume geworden –


schaue mich an.

Dieser Leitspruch des Ikebanaweges, den die Senior-Professorin der Ikenobo-Ikebana-Schule Seikei
Sachiko Oishi-Hess in ihrer Erklärung der „japanischen Kunst des Arrangierens von Blumen anführt, zeigt die Herkunft des Blumenweges aus dem religiösen Bereich. Wie sich aber die Japanische Lyrik als Antwort auf die westlichen Einflüsse neu aufgestellt hat, so gilt dies auch für das Ikebana.Fasst man den mit dem Umfassend-Werden des Westens verbundenen Einfluss der Modernisierung mit einer auf der Rationalisierung der Lebensverhältnisse basierenden „Auf-Dauer-Stellung und Beschleunigung des Wandels“(Dieter Goetze, Nina Degele) so zeigt sich in Japan eine besondere Spielform dessen. Durch die Machtinteressen der herrschenden Klasse der Samurai im 15. Jahrhundert; siehe auch(https://derweiserabe.com/2019/02/15/das-japanische-gedicht-als-form-der-veraenderung/) wurden die bürgerlichen Klassen in Japan an einer Revolution gehindert. Verbunden mit einem Verbot vor allem der christlichen Religion wurde der Zen-Buddhismus vom Shogun gefördert. Diese erst Mitte des 19. Jahrhunderts von Außen aufgehobene erzwungene Abschottung und Restauration begann im Jahre 1634. 550 Jahre
ist hingegen die Traditionslinien der Ikenobo-Ikebana-Schule, die im Rokkoku-do Temple in Kyoto ihren Anfang nahm. Ikebana ist aber älter und wurde wahrscheinlich als Blumenopfer von chinesischen buddhistischen Mönchen im siebten Jahrhundert nach Japan gebracht. Anfangs, so erklärt Ikenobo-Meisterin Oishi-Hess während sie ein traditionelle Form(Rikka) des Blumengestecks arrangiert, sei Ikebana nur für den Schrein- sei er buddhistisch oder schintoistisch, eingesetzt worden. Damals gab es für den Kado – den meditativen Blumenweg- nur zwei Prinzipien: die Gottheit und den Menschen.
Blumen gelten nach altem japanischen Glauben als Yorishiro, als Objekte welche göttliche Kräfte anziehen.
Dieser Grundkonsens wird offenbar von Konfuzianismus, Buddhismus und Shintoismus geteilt.
Einen Grundkonsens gibt es auch zwischen der explizit modernen Schule des Sogetso-Stiles und der größten und ältesten Ikebana-Schule des Ikenobo. Zum Beginn der gut besuchten Ikebana-Zeremonie im Edwin-Scharff-Haus
erklärt die Meisterin des Ikebana Seikei Sachiko Oishi-Hess das Yorishiro als die Urreligion Japans, deren Grundidee sei: „Wir laden Gott in die Blume ein.“ Die Idee der Kuge, der Opferblume komme aus dem Buddhismus. Heute sehe man Blumen nur noch als Schmuck. Im Prozess der Gestaltung eines Ikebana-Blumengestecks sei die Dankbarkeit der Blume gegenüber eine tragende Haltung.

Konservative Restauration führte zu starreren Regeln, Öffnung zu freien Stilen

1542 gab Ikenobo Senno, der Gründer der gleichnamigen Schule dem Blumenstecken erstmals einen festgeschriebenen ästhetisch-religiösen Sinn. Dies geschah sicher nicht zufällig zum Beginn der weitgehenden Abschottung Japans vom Außenhandel.Der Tatehana(stehende Blume) Stil hatte, laut Oishi Hesse, mit Gott und Mensch nur zwei Prinzipien. Vor dem 15. Jahrhundert war das Ikebana auch eine reine Männerdomäne. In beinahe turniermäßiger Form wetteiferten die Edelmänner vor der Zeit der ästhetischen Schulen um den Rang des Besten Blumensteckers. Die Meisterin gestaltet,wie bei der Lesung japanischer Lyrik im konzentrierten Beiwohnen ihrer Assistentin. 9 Teile hat die im 16. Jahrhundert von einem Ikenobo-Meister kreierte Form der Rikka. Sie soll das „All in einer Nussschale“ abbilden. Rikka heißt Gebirgslandschaft. Es gibt hier strenge Regeln für die zu verwendenden Materialien. Eigentlich darf nur Material das in Japan wächst verwendet werden, sagt Oishi-Hess augenzwinkernd.Dann greift die strahlende Frau zu einem wunderschönen Ast mit rosa-weißen Pfirsichblüten und steckt in in die anmutig längliche metallische Vase. Das zweite Element ein Schneeball, ist das Material für die Jahreszeit. Im dritten Element begegnet wieder die japanische Schwäche für Weidengewächse. Es ist eine Saalweide mit ihren im Winter glänzenden, flauschigen Kätzchen, ist sie besser als Palmkatze bekannt. Es ist eine angenehme Ruhe eingekehrt, in der Luft der Duft feiner japanischer Räucherstäbchen. Im Kado(Blumenweg), also der meditative Form des japanischen Blumensteckens, ist der Weg, also quasi Selbsterkenntnis durch die Blume, nicht das dekorative Gesteck das Ziel. Als Oishi-Hess abermals alte eine Regeln, nämlich das man nur beim Buchs ein Material für zwei Elemente nehmen dürfe bricht, zeigt sich ganz klar auch in der strengen Form die Auflösung .Auch als die Ikenobo-Meisterin erwähnt, früher seien es dreimal so hohe Gefäße gewesen, spürt man welch privilegierte Tätigkeit, die einst Adlige neben der Dichtung und der Teezeremonie beherrschen mussten der Kado im Japan der Restauration durch die Samurai gewesen sein muss. Das neunte und letzte unscheinbare Element ist ein gelber Zweig, schätzungsweise von der Orangen-Weide. Sie sei das Willkommen für Buddha.




Sogetsu: Schlichtheit und Klarheit im Wandel

1927 gründete Sofu Teshigahara in Tokio die Sogetsu-Schule des Ikebana. Sein Ziel war er die starren Regeln und religiösen Bande des Ikebana zu Überwinden, ohne aber seine ästhetischen Prinzipien und kosmischen Gesetzmäßigkeiten über Bord zu werfen. Schlichtheit und Klarheit waren nunmehr die Prinzipien mit denen der Tokioter seine Kunst Künstlern von Dali bis Picasso unterbreitete. Er ließ sich explizit von modernen Kunstbewegungen und Künstlern beeinflussen ohne aber seine Ausbildung in der Kunst die Elemente Himmel, Mensch und Erde durch die natürlichen Elemente Zweig, Blume, Vase und Blatt zum Ausdruck zu bringen, zu vergessen.Einfache Regeln und eine Verbindbarkeit der universellen ästhetischen Regeln Sogetsu´s mit allen Künsten machten von nun an Ikebana anwendbar auch für Nicht-Japaner und allgemein für breitere Gesellschaftsschichten. Das Gedenken der Vergänglichkeit, welches der Buddhismus so einzigartig ausgeformt hat, hat so, verbunden mit einem ganzheitlichen Blick auf die Welt und einer Schulung der Gestaltung unumstößlicher Gesetzmäßigkeiten die Tugenden der japanischen Innerlichkeit nach Außen gestülpt. In der Ausstellung zahlreicher Ikebana-Gestecke sowohl der Ikenobo, als auch der Sogetsu-Schulen im Erdgeschoss des Edwin-Scharff-Museums, sah man eine respektvolles Nebeneinander der Stile, welches eine Quelle der Lebensfreude und Besinnung waren. Nach der Beschäftigung mit zweien der noch zahlreicheren Spielformen des Ikebana zeigt sich das die Prinzipien des Ikebana den besonderen Weg Japans in die Modernisierung gut widerzuspiegeln vermögen.
Das Festhalten an der Natur, bei gleichzeitigem isolieren einzelner Elemente um ihr Wesentliches, ihre Idee zu synthetisieren ist ein Prinzip. Die mit dem Bauen auf das Näturliche verbundene Bejahung der Asymmetrie als Grundlage der nicht schematischen Anordnung, den Gesetzen des Schönheitsempfindens folgend ist ein Zweites. Ikebana lehrt, nach dem Prinzip der komponierten Improvisation, die Einsicht in die Bedeutung des Loslassens und der regelgeleiteten Neuzusammensetzung. Man mag bemerkenswert empfinden, dass Sogetsu 1927, zur gleichen Zeit wie Martin Heideggers bahnbrechendes Werk „Sein und Zeit“ seinen Anfang nahm. Ein Flyer vom Verein Ikebana International Biberach e.V bringt diese inspirierende japanische Anpassungsfähigkeit auf den Punkt.
„Strenge Gesetze, deren Anwendung – bei stets unterschiedlichen pflanzlichen Materialen – eingehalten, fallweise aber geändert und angepasst werden müssen – ein ideales Flexibilitätstraining schlechthin.“ Zum Schluss schloss sich der Japantag in Form des Kreises, welche rund in sich zurückgehrend in einer Teezeremonie für Reisende endete.


Blumen sind ein Spiegel.


Ich betrachte die Blume.


Die Blume betrachtet mich.


Ich – zur Blume geworden –


schaue mich an.


Veranstaltung:


Ikebana in Biberach


Ingrid Eichinger Ikenobo- Der Ursprung des Ikebana, Freitag 5.April 2019, 18.30-20.00 Uhr, Vhs Biberach Foyer


weitere Informationen und Veranstaltungen unter: http://www.Ikebana-biberach.de

Zu Fragen zum Thema Ausbildung in Zenmeditation und der Kunst des Kado: sachiko@web-hess.de












Author: farounfirewater

Ich bin der singende tanzende Aufwind der neuen Welt

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