Om.. Das Hören geht weiter

Schweizer Jazz-Legenden bilden  in Ulm ein selbstschöpferisches Klanggefährt

Kunstwerk e.V und das Einsteinhaus sorgten mit der Zusammenkunft der vier Jungs von Om Raum für das Beiwohnen bei nonkonformistische Spielart der Klangerkundung. Om eilt in Jazz-Liebhaber-Kreisen ihr Ruf voraus, das kurze Bestehen der Schweizer Band, soll kein flackerndes Flämmchen gewesen sein. Nein, von 1972 bis 1982 sollen sie eine der meistgetourten Bands überhaupt gewesen sein. Die durch und durch von Orange durchtränkte Atmosphäre im Club Orange passte so auch zu den wild gebliebenen Alt-Meistern. “Unknown Navigation”der Titel ihrer aktuellen Tour gibt genauso Hinweise auf die Gangart der zwei Stunden mit den “Phononauten” wie ihr Bandname.Den Namen haben sie, laut Urs Leimgruber dem Saxophonisten der Band,aber nicht wegen ihrer Orientierung an Meditation, die sei heute bei ihm präsenter als in den 70ern. Sondern aufgrund des gleichnamigen Albums ihren damaligen Jazz-Vorbildes John Coltrane. Dort sei die Qualität des Om als Urklang, in dem alle danach gespielten Klänge schon enthalten seien, gemäß dem vedischen Werk der Bhagavad Gita beschrieben. Das habe die Band damals umgehauen und jetzt hießen sie eben so.  Zum Konzert: Links steht Christy Doran, an der Gitarre,daneben Urs Leimgruber am Tenor- und Sopran-Sax, daneben gesellt sich Bobby Burri am Kontrabass und links von ihm steht das Schlagzeug seines rhythmusmäßigen Alteregos Fredy Studer.

Bewusstseinserweiterung: Klangkunst die Verfahren und Begriffe herkömmlicher Musik unterspült


Der Klangraum entspinnt sich aus anfangs kaum hörbaren Erkundungen der zunächst relativ voneinander isoliert Zugänge zum Instrument Suchenden. Christy spielt raumgebende Glockensampler ein,während er mit dem Eisen verhalten und hörend auf dem Hals seiner E-Gitarre herumfährt.Das Publikum folgt dem Ritual der Entgrenzung der Begriffe, und damit der Spielformen der Musik, wie in einem Planetarium. Leimgruber bläst behutsam, wie der Schöpfer in eine stählerne Messingform mit Trichter. Der Besen Studers ist noch nicht zu hören evoziert aber das Bewusstwerden, das die Atmosphäre etwas sehr philosophisch-erotisches hat. Nun outen die Klänge das Gegenüber Leimgrubers als Sopran-Saxophon und seinen Zugang als nicht handlich für den hörkomfortorientieren Zuhörer. Die Hervorbringungen des Sax werden unangenehm hoch quietschich, erste Triller entstehen. Sie erinnern an Äußerungsformen der Sufimusik.Aufrütteln, schrill. Schon jetzt deutet sich an das Leimgruber im Laufe des Spinnens des klanglichen Netzes in die Rolle eines tragischen Versponnenen hineinzuwachsen droht. Studer aber hört nicht nur auf sich selbst, er tut sich mit seinen sanften Beckeninterventionen um eine kosmische, schöne, also musikalische Ordnung um. In dieser Manier finden sich die beiden in der traditionellen Musiklehre für den Rhythmus zuständigen Burri am Kontrabass und Studer. Ein ohrenhafter, durch die Eins-Richtung den Gesamtklang musikalisch bewegendes, Töngefüge, gibt nun einen Kontrast zu der Findungsphase der Neuerschaffung der Spielweisen der Einzel-Instrumente. Die Extase steht Fredy Studer ins Gesicht geschrieben,diese und die Vertrautheit der Musiker in der Weiterentwicklungsphase paart sich auch hier, zu einem Experiment allerdings weit ohrenfreundlicherer Ausprägung.

Jazz-Freunde kennen keine Grenzen in der Musik


Ein Heranwachsender Junge genießt, die auf der Ebene der Geräusche und Intensitäten gefischten, sich selbst nicht gleich bleiben wollenden Klangereignis sichtlich. Auch sonst sieht man manche in dem bestuhlten Club Orange körperlich sichtbar mitschwingen. Es entspannt sich eine “Vibrasphäre”großer Entspanntheit von gewöhnlichen Musikkategorien wie Taktung,Melodie und Harmonie. Die Erkundungen bleiben postmodern,indem sich sich nicht neuen Fundstücken aus dem Meer der neuen Möglichkeiten der Klangkunst verschreiben. Sondern auch diese wieder in großer Virtualität und Nicht-Anhaftung der Dekonstruktion preisgeben. So ist das Spiel der Vier, in höchster Weise mental anregend, sowie geisteswissenschaftlich auf die Entnervbarkeit überfrachteter Sinne hinweisend. Auch das Technische ist hierbeivoll da, so hat nicht nur Christy Dorans E-Gitarre unzähligeEffekte, sondern auch der Bass von Bobby Burri. Burris Bass vermag esso sowohl kaum gehörte Weichheit in ein einfühlsames und tragendes Basstongefüge einzubringen, als auch quasi interstellare Interferenzen in das kosmische Musikgefüge hineinzufunken.Linie,Bruch und veränderter Lauf. Der von Intensität getragen sich selbst ähnlich anders bleibt. Burri könnte gut und gerne als Nosferatu durchgehen. Seine Nase ist, sein Spiel im Ohr, die eines Tieftauchers ohne Kamera, eines Gewährsmannes des unentzifferten Subliminalen. Die 25Jahre, welche OM nicht zusammengespielt hätten, so Leimgruber, nach dem Konzert, wären bei allen Musikern immer noch Phasen des„Ganz-Ohr-Seins“ gewesen, und auch die Re-Sonanz auf die Sonanzen der Band im Publikum seien ein ganz besondere Ebene des Ohr-Seins, das Publikum spiele mit den Ohren mit, bei den vielen vielen Konzerten,welche die Band mit ihren Zuhörern schon erleben durfte. In den rhythmisch getragenen Episoden hört man sich teils unter Wasser,teils im Weltall, eine Verschwommenheit in großer Flussstärke führt zu einem entspannt-angeregten Hörerleben, Jazz.Das   Dann melden sich aber lautstark der Saxophonist und die Gitarrist zurück.

Das “Ich” in Räumen erhöhter Vibration

Leimgruber untergräbt den Fluss, in dem er aus ihm auftaucht ,wie ein um sein Überleben tönendes Tier. Duran erzeugt nun eineGitarrenfläche, die den hochreaktiven Strom zu anwachsender Schnelligkeit antreibt. Leimgruber, der äußerlich etwas von Klaus Doldinger hat, gerät nun in schrillen Tönen ausgedrückt, in eine Orgie äußerer Bedrängnis, taumelt ruft sein Instrument und langsam geht das „Tier“ in den gewaltig waltenden Strömen unter. Ein Solo, ist auch eine Form von Ich-Identität, die in dem großen Stirb und Werde des Klanges, keine andere als eine jeweilige Bedeutung hat.Duran´s Gitarrenspiel wird von Flächen zu Kritzelein, die “Vibrasphäre” schreit vom Autor aus nach Ohrenstöpseln.Nun geht auch Studer andere Anspielungswege und kratzt mit dem Kontrabassbogen andem Gehäuse seiner Snare-Drum. Es entsteht nun auch bei Kontrabass, E-Gitarre und Drums eine Zerrissenheit zwischen Rhythmus und klanglicher Selbstbehauptung. In diese Gemengelage inkarniert Leimgruber nun in der Konstellation mit Tenor-Sax. Er entlockt dergebogenen Metalle-Mischung ein ebensolches metallisches Quietschen. Dieses Quietschen führt Studer in seinem Gewand zu einem nervösenTrommeln,  die panische  individuelle Exaltiertheit und die Spannungen welche diese evozieren sind kaum mehr zu ertragen. Das „Konzert“ ist durchaus auch wie eine griechische Tragödie zu hören, es zeigt die Tragik und Krisis des Einzelnen in einer an sich harmonischen, wenn auch mit den Mitteln des  narzistischen Ichs nicht zu erreichenden Ordnung auf.

Töne klingen schöner nach Sequenzen von Klang


Nun ur plötzlich, dringen gewöhnte und dazu warme Töne aus dem Schalltrichter Leimgrubers. Wie Balsam träufeln sie in die Ohren,des mental herausgeforderten aber akustik- sensorisch überforderten Autors. Duran liefert nun mit seinen sphärischen Flächen im Eindruck von Tönen, eine Hoffnung auf eine Dramaturgie, ja eine führende Thematik im Spiel der Vier. Das Publikum scheint aber die vierstimmige Uneingestimmtheit zu genießen.Bei den vielen Neuerungen, läuft man Gefahr, das das Denken das Gehör verstopft.Denn es ist alles andere als Uneingestimmtheit im Raume, vielmehr spürt man eine Gemeinschaft der Eingespannten im Raume. Es ergeben sich immer wieder Gipfelmomente. Alle Musiker sind hoch konzentriert.Bei Studer möchte man meinen der Ausdruck dezentriert sei angemessener. Er ist mittelpunkt flüchtend auf seine Band und seine Aktionsmittel ausgerichtet. Absolut beeindruckend, auch ein inspirierender Solodrummer. Duran, der in seinem Gitarrenspiel über eine verblüffende Technik verfügt ist mit seinerExperimentierfreude und seiner Nicht-Anhaftung an liebgewonnene Soli eine Triebfeder des selbstschöpferischen Klanggefährts. Als Leimgruber nochmalsandachtsvoll in die Öffnungen seines Tenorsax, ohne Munddstückbläst, hebt eine neue Schöpfungsgeschichte an, das Ego wird zum Super-Ego der Externalisierungsgesellschaft.Und in der Begegnung mit übermächtigen Klangstrukturen geht es laut schallend einen Mittelpunkt im Meer der Klänge suchend unter. Om ein neuer Schöpfungston hebt an; am Anfang war der Klang.

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Author: farounfirewater

Ich bin der singende tanzende Aufwind der neuen Welt

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