Über Licht, Beleuchtung und das Heilige in der Materie

oder: wider die Teelichtisierung des Abendlandes

aus dem Facebook von Katrin Uhl

Aufgewachsen in den 80ern war ich begeisterte Jungschargängerin,vermutlich wegen des Singens bis zur Ekstase (außerdem hatte ich schon immer ein Faible für Jesus). Ich erinnere mich noch gut daran,wie wir von Haus zu Haus gezogen sind, um Aluminium zu erbetteln,welches sich in den Haushalten angesammelt hatte – um es der Wertstoffsammlung und –wiederverwertung zuzuführen. Und zwar, weil Aluminiumgewinnung ein saumäßig schmutziges Geschäft ist und wirdamals lernten, mit diesem Material sollte man seeeehr sparsam und seeehr bewusst umgehen.
Und heute? Heute haben wir Gelbe Säcke,die wer weiß wo landen (macht Euch selber drüber schlau, besser als Krimis!) und – noch besser: wir haben Kaffeemaschinen, die pro Tasse Kaffee mit ein bis zwei Alukapseln befüllt werden.Hauptsächlich aber wird es verwendet in Fahrzeug-, Flugzeug- und Schiffsbau. Leitungen, Baustoffe, Verpackungsmaterial – und –(sicherlich ein sehr kleiner Anteil but) just saying…Teelichthülsen.

Einige Details zum  Aluminiumabbau


Aluminium wird aus Bauxit gewonnen, Bauxit findet man hauptsächlich im Tropengürtel und es wird Regenwald zerstört,um es zu gewinnen. Hauptabbaugebiete sind Guinea, Jamaika, Indien,Australien, Brasilien. Laut „Rettet den Regenwald“ wird z. B. für die Mine Porto Trombetas in Brasilien, die inmitten unberührten Regenwalds liegt 100 Hektar Wald gerodet. Von den Auswirkungen auf Umwelt, Gesundheit und soziale Strukturen mal ganz zu schweigen.Vielleicht erinnert Ihr Euch an das umstrittene Belo Monte Staudammprojekt? Schlimme Bilder gingen um die Welt, von indigenenMinderheiten, die versuchten, ihren Lebensraum zu schützen. Richtig.Das Belo Monte Projekt ist Teil der Bauxitgewinnung und Bauxit istder Rohstoff, aus dem Aluminium ist.
Und was zum Geier haben diese unappetitlichen Fakten jetzt mit Licht oder gar Spiritualität zutun?

Wohlstand ohne Verantwortung?

In unseren zivilisierten Breitengraden bricht gerade die dunkle Jahreszeit an. Deshalb kam ich überhaupt auf die Idee zu diesem Text. Zum Trommelkreis hatten sich Menschen angekündigt, die nochnie da waren. Also wollte ich den etwas dunklen und abschüssigen Weg mit schönen Lichtern garnieren.
Was nimmt man da im 21.Jahrhundert in diesen Breitengraden? Richtig: die unheimlich praktischen und günstigen Teelichte.
Auch kenne ich das vonvielen „spirituellen“ oder anderen Veranstaltungen in derEsoterikszene oder deren Dunstkreis, dass man großen Wert aufangenehme, heimelige und heilsam wirkende Beleuchtung legt. Meist inForm von massenhaft aufgestellten Teelichten. Im Outdoorbereich nachder Party, der Zeremonie, dem Ritual auch gerne mal vergessen. SeitJahren grübele ich darüber nach, ob den Menschen das gar nichtbewusst ist, was für eine Sauerei Aluminiumproduktion ist? Aber es ist mit dem Alu wie mit so vielem heutzutage: was wir in den 80ern und frühen 90ern als dringendes bis drängendstes Problem benannten,Probleme, von denen klar war, wir müssen sie unbedingt (!), dringend(!!), ganz schnell (!!!) und gemeinsam angehen und lösen, diese Themen und Probleme werden heute schlicht nicht mehr diskutiert und teilweise einfach mal komplett ausgeblendet.

Licht in den Konsum?



Wir leben auf einem unfassbar hohen materiellen Niveau und dennoch muss es immer billig und noch billiger sein – Geiz ist geil!
Ist das so? Geiz ist eben nicht geil. Der Geiz der Menschen, die in den reichsten Nationen dieser Erde leben – also unserer! – bewirkt an anderen Orten der Welt viel Leid und Zerstörung. Wir – und mit diesem Wir meine ichjetzt Menschen, die sich mit Themen wie Bewusstheit, Bewusstsein,Umweltschutz oder Spiritualität identifizieren – sollten uns einfach ab und zu mal überlegen, ob es nicht mehr Licht in die Welt bringt, manchmal eben nicht zum billigsten Massenprodukt zu greifen.Vielleicht können wir durch den Griff zur Qualität unsere Achtung  der Materie gegenüber zum Ausdruck bringen. Gerne werden die Großpackungen Teelichte bei einem schwedischen Einrichtungsriesengekauft, weil die so schön günstig sind. Preis-Leistungsverhältnistop. Ist das so?
Sind es dann nicht dieselben Menschen, die empörtaufschreien, wenn verzweifelte Indigenas und Indigenos halb nackt inKriegsbemalung vor riesigen Maschinen und Militärpräsenz in dieKnie gehen und die Fotos rund um die Welt teilen, Petitionenunterzeichnen etc.? (Siehe Belo Monte Staudamm-Projekt…)

Die heilige Materie


Und jetzt kommen wir zum „Heiligen in der Materie“ (Indigene sind doch immer eine wunderbare Überleitung zu diesem Thema, wenn das auch ein bisschen nach kulturimperialistischer Denke riecht, aber stilistisch einfach elegant, also Schwamm drüber!)
Natürlichdenke ich nicht, dass die sagen wir mal… – und das ist eineSchätzung – gefühlt 5000 Aluteelichthülsen, die jemand einspart die Welt retten würden. Bei den Massen an Autos und Flugzeugen undSchiffen, die wir verheizen, macht so was die Kuh nun wirklich nichtfett. Und man sollte sich auch nicht selbst kasteien finde ich. Aber:ich denke, wenn man irgendeine Form der Spiritualität pflegt, diedas heilige in der Schöpfung sieht, so sollte man doch ab und zu einwenig Bewusstheit und Reflexion ins eigene Handeln bringen. Und dieBeleuchtung für die eigenen religiösen, spirituellen, rituellen„Events“ hat für mich hier symbolischen Charakter.
Es ist ohne Zweifel wunderschön und berührend, in eine Spirale aus Licht zu wandeln und sich nach der Berührung mit der Mitte wiederhinauszuschrauben. Aber müssen wir diese Spirale unbedingt mitTeelichten von namhaften Billiganbietern arrangieren?
Und jetztkommt endlich die gute Nachricht: es gibt auch Alternativen!

Es gibt Alternativen zum Alulichtkonsum


Esgibt nämlich zum Beispiel auch Teelichte ohne Aluhülsen zu kaufen.Die sind gar nicht mal so teuer. Zum Beispiel (Obacht Werbung!)Waschbär hat welche im Programm (dm übrigens ganz früher auch, siewaren die ersten. Ist dort aber scheinbar out, haben sie nicht mehr im Programm. Waren auch merkwürdigerweise immer teurer als die mit Aluhülse…). Bei Waschbär z. B. gibt es welche aus Paraffin(Erdölprodukt), welche aus Stearin (Palmölprodukt – darauf kommich gleich noch mal zu sprechen…) und – meine bevorzugteVariante, auch wenn sie ein wenig glitschig sind: welche aus recyceltem Speisefett. Außer der haptischen Fettigkeit sind die ganznormal, wie andere Teelichte auch. Ich hab mir einfach angewöhnt,jedes Mal, wenn ich irgendwas mit einem normalen Teelicht geschenktbekomme die Hülse aufzubewahren. Ich habe inzwischen ein stattlichesSammelsurium an Hülsen. Es gibt aber auch sehr schöne Behältnisseaus Glas oder Ton zu kaufen.

Öl- und Bienenwachskerzen


Zum Stearin: in vielen Bio- und Esoterikläden gibt es die wunderschönen, gitterartig strukturierten Stearinkerzen. Ich vermute, das rührt aus der Zeit, in der die Biobranche vor allem nach Alternativen zum Erdöl suchte. Heutesollte man sich aber durchaus auch überlegen, ob man wirklich Kerzenauf Palmölbasis braucht.
Als weitere – wunderschöne –Alternative (sofern man nicht hardcore-vegan lebt) sind Kerzen aus Bienenwachs. Denn: sind wir uns nicht alle einig, dass Bienen wunderbare Geschöpfe sind, für deren Erhalt wir uns einsetzensollen und wollen? Support your local Imker. Natürlich ist so eine Bienenwachskerze auch wieder teurer als viele andere Kerzen. Aber sollte es uns das nicht Wert sein, ab und zu ein wenig Bewusstsein inunseren Umgang mit Licht zu bringen? Und so eine Bienenwachskerze zaubert nicht nur wunderbare Stimmung, sondern hat auch eine beruhigende Wirkung durch bestimmte Duftstoffe, die frei werden beim Verbrennen. Hab ich mal irgendwo gelesen.
Auch gibt es als weitere Alternative die Möglichkeit, Öllämpchen aufzustellen. Auf vielenWeihnachtsmärkten z. B. gibt es Stände mit getöpferten Öllämpchen.Oder man kauft oder bastelt sich Dochtschwimmer. Da kann man aus alten Gläsern wunderbare Lichter zaubern.
Ich denke, dass ein großer Teil unserer Probleme auf dieser Welt daher rührt, dass wir– und damit meine ich das kulturelle Kollektiv – vergessen haben,das Heilige in der Schöpfung und damit in der Materie zu sehen undauch in unserem Handeln zu ehren.
Gerne tun wir das abgespalten von unserem Alltag in Form von Ritualen oder auch mal in Form vom Kauf eines besonders schönen Edelsteins etc.
Aber meiner Ansicht nach sind es unsere alltäglichen Handlungen, die diese Wirklichkeitformen. Deshalb lasst uns doch ein kleines Licht anzünden in derdunklen Jahreszeit, und ein wenig Bewusstheit in unser Handelnbringen, was die Beleuchtung unserer Rituale und Zeremonien angeht.Vermutlich wird dadurch weder der brasilianische Regenwald geschützt noch der süße kleine Orang-Utan, der grade durch das Internet kursiert, weil das britische Fernsehen ihn verbannt hat. Aber wir bringen ein wenig bewusstes Handeln in diese Welt. Ein wenig Innehalten und ein wenig Nachdenken. Und vielleicht ein bisschen mehr Liebe und Respekt der Materie gegenüber, mit der wir uns täglich umgeben – und somit auch uns selbst.


“If we could change ourselves, the tendencies in the world would also change. As a manchanges his own nature, so does the attitude of the world changetowards him. … We need not wait to see what others do.” (Mahatma Gandhi)


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Author: farounfirewater

Ich bin der singende tanzende Aufwind der neuen Welt

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