Rio-Reiser-Abend Live auf Free Fm

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Ria,Ela und die Nachtmeerfahrt des Nachlebens von Rio Reiser

Die Kunde von einem Rio-Reiser-Abend mit 6 Gruppen und über 16 Künstlern, die die Musik von Rio Reiser und seiner Band Ton Steine Scherben in der Kleinkunstkneipe zum Fröhlichen Nix wiederaufleben lassen wollten füllte das Nix bis an den Rand. Und zu Ehren des Ausnahmekünstlers hatte sich, größtenteils aus den Mitgliedern der früheren Kultband im Ulmer Raum „Pluto outline“, mit “Ria Leiser”, ein eigenes Projekt gegründet, dass den Abend vor etwa 55 Leuten eröffnete. „Schlaf bei mir“ performte Frontfrau Elke in der hungrigen Intensität die Rio und die Scherben der Kombo einst mit dem Album „Keine Macht für Niemand“ aufprägte. Und darauf folgte die sterbensschöne Seemannshymne auf kosmischer See „Übers Meer.“ In Bezug auf die Live-Übertragung von Free Fm, war das alles erst Warm Up. Für die vielen Fans, die Rio´s Werdegang teils schon seit den 70er Jahren verfolgten war die heftige,musikalische und dann auch lebensweltliche Befreiung sofort wieder anwesend. Auf dem Geburtstag von Feschtl, der nicht umsonst die Spinne im Netzwerk der blaubeurer Kulturszene genannt wird haben sich die ganzen alten Freunde wieder getroffen. Und Andreas Nothwang, der brillante Ex-Schlagzeuger von Pluto Outline, hatte die Idee für einen Rio-Abend als Gemeinschaftsabend, ohne Ego-Acts. Der Wirt war sofort dafür entflammt, die 6 Gruppen teilen die Instrumente auf engstem Raum. Die Live-Übertragung bei Free-FM mit Moderation von Lotte Stevens kam durch Andreas Kontakte, der selber Jahre lang bei Free FM moderiert hat, zu Stande. Die Stimmung war bestens als Glasfels, eine Gruppe aus dem Großraum Blaubeuren, die beiden im Mainstream bekanntesten Liebeslieder Rio´s performten: „Für immer und dich“ und „Halt dich an deiner Liebe fest.“

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Von links Andreas und Elke von Ria Leiser, ehemals Pluto outline

Denn Widerspruch leben

Die Utopie zu leben war eine von Rios Eigenschaften: „Für immer und dich, ganz egal wie du dich nennst, ganz egal wo du heut pennst.“ War “Komm schlaf bei mir”, so Andreas Anfang der 70er ein leises Coming Out, des schwulen Sängers, so ist „Für immer und dich” ein Bekenntnis zur freien Liebe und dem Schmerz, den sie dem engen Menschen zuzufügen vermag. Großer Applaus. Mit Alex Hoss,der früher seine Lackiererei in unmittelbarer Nähe des Nix hatte kam von Hasi Fischer am Schlagzeug unterstützt ein Solist auf die Bühne, der mit „Stiller Raum“ und „Junimond“ zwei Hits aus Rio´s Solokarriere in den 80ern und frühen Neunzigern spielte. Mit seinen düstren, romantischen und sehnsuchtsvollen Liedern wollte sich Rio aus seinem Image als Polit-Ikone lösen. Der Beziehungssong „Stiller Raum“ wurde von Hoss kongenial dargebracht und rührte, auch beim ersten Hören. Wenn man mit dem Songtext fragen wollte „Ist noch Glut in der Asche“, dann war da noch einiges zu entflammen. Das Nix bebte und die Songs brandeten wie mal erfrischende und mal wärmende Fluten in die Menge. Während die liebe Belgierin Lotte Stevens mit ihren Assoziationen zu Kabelsalat und ihren Fragen an die Künstler Humor und Information in den Abend brachte, betraten mit Manu und Ela, zwei Künstler die Bühne, deren Barfüßigkeit nicht das einzige politische oder eher postpolitische Statement war. Manu an den Key´s und Ela am Gesang gaben einen witzig umgemodelten „Manager“ zum besten. Ihr Highlight war aber das in den Zeiten vor der Wende in Ost-Berlin gespielt, legendär gewordene „dieses Land ist es nicht“ zu aktualisieren. Ela, die mit „Mental Ground Cero“ auch schon heftigere Töne angeschlagen hat, meinte. „Ich war selber schon voll dagegen und das hat so viel Kraft gekostet, heute bin ich für Liebe und Frieden.“ Deswegen sang die starke Stimme mit Message nun über „das Land auf der Erde wo der Traum Wirklichkeit ist“ aus eigener Erfahrung.„Es ist da wo die Liebe ist, es ist da wo sie durch Herz und Hände fließt.“ Tosender Applaus.

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Den Anspruch auf Weltveränderung, der bei den Älteren vielleicht von der Intensität der Erinnerungen absorbiert wurde brachte Ela mit ihrem Statement für Liebe und Frieden in verwandelter Form zurück

Auf der Suche nach dem Ausweg aus der Wüste

Wie die Nachtmeerfahrt im Mythos, ging die Sonne im Westen, im Kampf unter, durchquerte auf dem Weg durch die Tiefe(Wüsten- und Liebeslieder) so manche Gefahren und ging dann im Licht der wachsamen Annahme im spirituellen Osten wieder auf. Auch die Haus und Hofkapelle,  des politischen Widerstands-Feschtagsmusik- beantwortete die Gefahr die durch den schlafenden „Krieg“ ausgedrückt wurde mit „Lass uns ein Wunder sein.“ Das wilde grobe und mutwillig verletzende Pendant zur geläuterten Ela gaben Michel und seine Freunde mit dem großartigen musikalischen Amoklauf des „Paul Panzer Blues.“Ein Rio-Reiser-Abend der wirklich viele Facetten des abgründigen Sängers und Komponisten aufzuzeigen vermochte. Michel, der heute in München wohnt kommentierte das hooliganhafte Werk , mit: Nein, Rio hat nicht nur Liebeslieder gemacht. Der zweite Block von „Ria Leiser“, leiser im Befehlston auszusprechen,zeigte nun die poetisch-dystopische Kraft Rio´s. „Menschenfresser in einer krassen, psychomässigen Subjektivität und zugleich einer seltenen Spielfreude, gerade bei Andreas, mit seiner himmelblauen E-Gitarre, vorgetragen, zeigte wie wichtig Rio und die Scherben früher auch als menschenkundliche Augenöffner waren. Elke alias Ria meinte: „Das Lied zeigt, wie die Menschenfressermenschen der anderen Tag dirigieren, ihr Herz wird immer kleiner,wie eine Dörrpflaume.“ Der Text von “Durch die Wüste” spricht für sich selbst: “Ich komm aus der Wüste aus Stahl und Glas, ich komm aus der Wüste aus Angst und Hass.Wo die Menschen verdursten auf der Suche nach Liebe, krank vor Verzweiflung und vom Warten müde. Wo das Leben schneller ist als ein Herz schlagen kann und tausend Lügner sprechen, bevor einer die Wahrheit sagen kann…“

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Ein musikalischer Amoklauf:Der Paul Panzer Blues

 

Vielleicht ist es Ausdruck dieses „Hilf mir, zeigt mir den Weg hier raus” gewesen, dass sich Feschtl und Andreas und die anderen damals zusammen getan haben um Straßenmusik zu machen. Vielleicht hat Ela die Leute so berührt weil sie für unsere Zeit einen Weg heraus gefunden zu haben scheint. Dieses „Ich bin nicht über dir, ich bin nicht unter dir, ich bin neben dir“ aus dem den Abend eröffnenden „Komm schlaf bei mir.“ Dieses tiefe Wissen, das der Krieg nur schläft und dass es der Solidarität der Menschen bedarf um ihm etwas entgegenzustellen. Die Tatsache das Marion von Feschtagsmusik Ton Steine Scherben auf einer Wahlkampfveranstaltung der Grünen in den 80er Jahren sah und das damals unter der Ägide der starken Sonnenblume auch schon Liebe durch Herz und Hände geflossen sein dürfte um ein Land hoffentlich nachhaltig zu verändern. So wie 1979 als sich auf dem Dachboden von Uwe Pagels Eltern Pluto Outline gründeten. All das sind Kraftlinien der Leidenschaft, die Rio-Reiser heute wieder verbunden hat und die hoffentlich heute wieder Neue entflammt oder gefestigt haben den geraden Weg zu gehen

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Zum Schluss: Irgendwie das Wichtigste

Link: Das ganze Livekonzert von 21-23 Uhr ist noch bis 7 Tage nach dem Termin des Rio-Reiser-Abends am 8.09 nachzuhören unter:

https://www.freefm.de/artikel/rio-reiser-abend-nachh%C3%B6ren

Ela und Manu sind das nächste Mal  um 18.00 Uhr beim Spätsommerfest des Vier-Häuser-Projekts in der Hechingerstraße 40-46 in Tübingen zu hören. Das Vier-Häuser-Projekt ist teil des Mietshäusersyndikats Freiburg und entzieht rund 100 Leute in Tübingen genossenschaftlich organisiert den marktmäßigen Mietpreiserhöhungen. Mehr dazu unter:

https://vier-haeuser-projekt.de

Author: farounfirewater

Ich bin der singende tanzende Aufwind der neuen Welt

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