Das Flussbett der Reise ist Ruhe

Die Rückreise von Baden nach Württemberg

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Ein wunderschöner Morgengruß beim  Internat Birklehof
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Die pittoreske Innenstadt Engens

Sonntag 02.09.18 früh morgens. Ich wache im Auto am Wohnmobilparkplatz am Blauen auf. Es ist wieder schlecht Wetter und um die 4 Uhr. Wenn ich früher so früh aufgewacht bin, habe ich diese Überlappung zwischen Nacht- und Tagleben genutzt, bin ans Crash gefahren, damals mit dem Fahrrad, und habe mich in die Menge gemischt. Einerseits mit dem Bedürfnis noch etwas von der Freizügigkeit der Nacht aufzusaugen, andererseits um nüchternen Auges die Verhaltensweisen der Besoffenen zu studieren. Deswegen fahre ich jetzt Richtung Freiburg.Ich lasse den Blauen hinter mir der noch in der 20 Km umspannenden Evakuierungszone von Frankreichs ältestem und störungsanfälligen Atomkraftwerk liegt. Früher sind Freunde regelmäßig zum Protest von Freiburg und anderen Anrainerorten nach Fessenheim gewahren, um dort jenes schnoddrige badische „Nai ham mer gsait“ , dessen eiserne solidarische Subjektivität schon das geplante AKW in Wyhl verhinderte, über die Grenze zu tragen. Denn diese Grenze kennen Strahlungen und Emissionen nicht. Auch ins Basler Land sieht man von hier aus. Der Besuch dort bei einem demokratiebewegten Freund wurde von seinem zerstörten Handy und einem nicht aktualisierten Navigationssystem vereitelt. Die Spuren von C. G. Jung und Paracelsus, so wie Sebastian Brandt dem Verfasser des Narrenschiffs, des nach der Bibel meistverkauften Buches in der Frühen Neuzeit wären eh zu schwer aufzuspüren gewesen in kurzer Zeit und ohne fundierte Vorrecherche.Das Narrenschiff ist übrigends eine satirische Darstellung der menschlichen Untugenden und ich habe im Studium darin vielleicht mehr gelernt als in zig Vorlesungen. Die beiden Nächte im Auto haben mich in einen geschwächten Zustand versetzt. Ich komme vorbei an der Maltesterstadt Heitersheim, spannend finde ich die formale Ähnlichkeit des Malteser- und des Hugenottenkreuzes, Sonntags denke ich wird hier eh nicht viel rauszufinden sein und mein Körper schreit auch nach Ruhe und braucht alle Konzentration fürs Fahren.Unter dem roten Pentagramm, den Crashs finde ich einen Parkplatz und sei nach fünf schon, dass hier nicht mehr viel zu studieren ist. Eine schöne Frau und zwei Parteien Rastafari, dem äußeren nach und ein Russe streiten sich um das Mädchen. Aus dem Haufen von ein paar Freunden die Richtung Bahnhof wegschwanken hört man: Tanzen geht immer laufen ist schwer.

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Blick vom Restaurant Hegausstern aus auf die Vulkanlandschaft des Hegau

Vorbei an den Straßen der Vergangenheit

Über die Wiehre wo ich während des Studiums und danach, in zwei verschiedenen Wohnungen gewohnt habe, erst im Studentenapartment mit meinem Bruder und dann im rosanen Haus in der Günterstalstraße; komme ich auf die B 31 Richtung Höllental. Ich mache einen Schnappschuss von der Brücke über die Ravennaschlucht, die in den Gründerjahren 1884-87 erbaut wurde. Dort döse ich etwas auf dem Wohnmobilparkplatz um dann einen Schlenker Richtung Eisenbach zu fahren. Hier sieht man trotz des kalten Wetters wie schön weniger touristische, sprich dünner besiedelte Täler sein können. Ich will in Schwärzenbach einen Kaffee trinken, leider ist es noch zu früh, dafür gibt es beim Regenwetter, eine überdachte Bank auf der ich eine super Sicht auf glückliche Kühe habe und auf der ich mein letztes Brot frühstücke.Als ich in Titisee bei andauernd regnerischen Wetter auf das Badeparadies Schwarzwald treffe, kurz vor neun als die ersten Badegäste eintrudeln, und als ich erfahre, dass ich meine nassen und verschwitzten Badetücher durch geliehene ersetzen könnte, schreckt mich dann doch der Preis von insgesamt über 40 Euro für den feuchten Tag. Die 6000 qm große Bäder- und Saunenlandschaft, mit einem integrierten Naturse,e und hautheilsamen Lithium-Magnesiumbädern, sowie über 20 Rutschen, ist aber für Thermenliebhaber sicher eine weitere Reise wert. Das Badeparadies gilt manchen Internetseiten als eine der zehn schönsten deutschen Thermen.Auch die Wanderung an dem Ort wo Gutach und Haslach zur wütenden Ach, zur Wutach werden fällt ins Wasser.Weiter auf der B 31 vorbei an Donaueschingen, wo Brigach und Breg die Donau zu Weg bringen, zieht es mich gleich nach der Auffahrt auf die wohlvertraute B 311 zu einem Abstecher nach Engen. Hier komme ich auf eine schöne Bergstraßen, ein Eldorado für Mottoradfahrer. Im Restaurant Hegaustern sieht man die Vulkanlandschaft des Hegau, das schon zum Kreis Konstanz gehört und die majestätische Alpenkette. Hier trinke ich meinen Kaffee mit besonderem Genuß und begegne dem ausgelassenen Verein der Goldwing-Freunde Hegau Bodensee. Sie können mir Informationen über die Campingplätze Frankreichs geben, die mir vorher vielleicht die Angst genommen hätten.Anders als auf den deutschen Campingplätzen, gebe es in Frankreich öffentliche Campingplätze, wo man auch abends kommen könne und am nächsten Tag bezahlen. Es würde sich schon lohnen jetzt nach Südfrankreich zu fahren, weil es da jetzt richtig gut Wetter sei. Was bei den Franzosen aber schon wichtig sei, sei ihre Sprache zu sprechen. „Wir fahren manchmal zwei Wochen mit der Goldwind in Urlaub, wichtig sei, wenn man nicht mit Hotel buche, nicht zu hohe Ansprüche zu haben, eine Unterhose reiche da auch mal eine Woche, lacht der Leithammel des regionalen Goldwing-Clubs.

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Engen- Lebendige Geschichte am Armenhaus

Aus Engen ist eine verehrte, weil schöne und idealistische Bekannte von mir und auch der Volksmund der Region meint „Engen, Tengen, Blumenfeld sind die schönsten Städt der Welt.“ Das hier eine engagierte Bürgerschaft ansässig ist sieht man schon an den witzigen und liebevoll gestalteten Brunnen, aber auch an den Schaufenstern und dem südländischen Flair.Auch gibt es hier das Mülleimerproblem nicht, vielmehr ist hier jeder Mülleimer ein Unikum. Beispielsweise die beiden Mülleimer Max und Moritz. Wie durch Zauberhand gelange ich vor das Rathaus der Stadt, dieses ziert ebenfalls ein Pentagramm, durch die schönen engen Gassen mit ihrenfast an Venedig erinnernden bunten Häusern komme ich zum alten Armenhaus und dessen Innenhof, hier setze ich mich zum Abendessen hin. Hier begegnet mir eine Frau die mich fragt ob ich ein Bettler bin. Nein, meine ich. Sie wisse nämlich nicht ob jemand zur Theaterprobe komme und sie brauche noch Bettler. Dann versammeln sich nach und nach die Mitspieler zu dem großen Engener Spektakel: “Engen und seine Herren”. Es gebe schon Stadtführer, welche verschiedene Abschnitte der Engener Stadtgeschichte an den historischen Orten darstellten. Die Idee des Stückes sei die Stadtführungen in einem großen Spektakel mit hundert Darstellern zusammenzuführen. Das ganze sei leider schon ausverkauft werde aber am 4.5.6. und 7. 10. aufgeführt. Hier habe ich die Gelegenheit ein paar Engener Orginale in Spielaktion zu erleben. Die Leute scheinen sehr gelassen, Fähig zu Freude und unbekümmert zu sein. Außerdem scheint es auch nicht wenige Vollblutschauspieler dabei zu haben. Der Trommler grüßt mit: Ave Caesar, die Totgeweihten grüßen euch. Patrizier, Gründerbürger, Ackerbürger und der Herr von Lupfen, der früher in Engen regierte versammeln sich vor dem Krenkinger Schloss. Manche haben schon die selbstgemachten Kostüme an. Es gibt fünf Gruppen die jeweils autonom ihre Texte lernen. An fünft Orten in der Stadt wird die wechselvolle Geschichte zwischen der ersten Erwähnung Engens 1289 bis zur Badischen Revolution 1848 zurück nach Engen gebracht. In diesem Freilichttheater wollen sich die Bürger Engens die „Herrschaftszeiten“ unter verschiedenen Herren neu vor Augen führen. Unter den Herren von Lupfen, denen von Hewen, wie auch der Hausberg der Stadt heißt und den Landgrafen von Pappenheim. Zum Schluß merkte ich wie fit man sein muss um sich ganz der Komplexität von Berichterstattungssituationen hinzugeben. Auch hier sind der Spontaneität ihre Grenzen gesetzt.Beispielsweise die Tatsache, dass das Stück bereits ausverkauft ist stellt Berichterstattung von den Beteiligten des Schauspiels aus in ein ganz anderes Licht. Auch die Tiefe und Vielschichtigkeit des geschichtlichen Themas, hat mich, mit dem wenigen Schlaf dann überfordert und ich musste mich aus dem Kreise der Informanten zu Gunsten der Straße nach Haus raus ziehen.

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Sylvia Speichinger(links) mit einer performanten Mitspielerin
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Das Pentagramm als Zeichen des neuen Menschen prangt über dem Rathaus in Engen

Die Lehren der Berichterstattungsreise

Ich bin dann vorbei am Kloster Beuron und Sigmaringen, wo ich planmäßig eigentlich unbedingt hin wollte und dem Campus Galli in Meßkirch, schnurstracks heimgefahren. Ich habe also, aus Selbstsorge und weil ich gespürt habe, dass der Raum der Regeneration und des Konzipierens und Schreibens, fast größer sein muss als der des in Erfahrung Bringens, eine Woche des anberaumten Zeitraumes gekappt. Von Dritter bis heute den neunten September dauerte dann auch der Zeitraum des Niederschreibens und Onlinestellens des zweiten Teiles der Reise. Nach dem ersten Teil der Reise von 23. bis 26.08 gab es auch eine Phase des Kraftschöpfens und Niederschreibens, die zwei Tage dauerte, und die ich als sehr harmonisch und produktiv empfunden habe.Die Praxis alle Entscheidungen stets mit geänderter Situation neu abzuwägen, beispielsweise der Neigung am 26., einen Bruch einzubauen und zwei Tage zu schreiben,nachzugeben, war gold wert. Auch die Herangehensweise, sich erst einmal von Eindrücken und Sensationen in eine Strömung hineinbringen zu lassen, hat sich bewährt. Im Gegenzug bedarf es dann aber der Fähigkeit seine aktuellen Bedürfnisse zurückzustellen, wie beispielsweise bei der Zusammenkunft mit David, als ich von Nancy abgelassen hatte. Das bit by bit, wenn man sich zum Beispiel ohne Vorbereitung den Ereignishorizont einer Stadt eröffnen will, ist je turbulenter es da zugeht, umso wichtiger. Denn eine Beziehung zu erfahren und sie wirklich so lange zu tragen, dass sie die Chance hat ein Rückzugsort eine heimische Hintergrundstrahlung  zu sein, ist der größte und nachhaltigste Gewinn.Die Wende von der Buch- zur Netzwerkkultur, zeigt sich vielleicht darin, das es uns aufgegeben ist uns nicht mehr nur in vorgeprägte Diskurse einzuspielen, sondern, dass wir ebenso befähigt werden sollten, die Spinne unseres aktuellen Netzwerkes zu werden. Denn die Beschreibbarkeit einer Szenerie erwächst erst aus der „satten“ und „fetten“ Aufgeschlossenheit ihrer Elemente, erst im Raum des gelassenen Innewohnen-Könnens. Die größte Kompetenz der Spinne ist es nach dem Warten vielleicht, über die Klebrigkeit der eigenen Weben erhaben zu sein. So wie ein Web-Master, der die in die Fallstricke polarisierender Chats verstrickten Eiferer, nach einer kühlen und klaren inneren Prioritätenordnung zu eben dieser ruft.

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Die Reise als Politik der Freundschaft

Komplizen, Gleichgesinnte, Anlaufstellen, sind unabdingbar gerade in sozialen Zusammenhängen, wie Einkaufsstraßen, die gerade nicht dazu erschaffen sind die Menschen verweilen zu lassen.Und selbst als Spinnweben der manipulativen Weltglätte gleichgeschaltet sind mit den Wunschbilderbüchern des Ästhetischen.Sexualität ist dabei eine rechtlich und kulturell stark angreifbare Strategie des Unterlaufens der isolativen Glätte des sozialen Verfahrensraums. Deshalb sind das Einbringen anderer Geschwindigkeiten, die Anerkennung des Gegenübers als Zentrum des eigenen Fokusund die zeitweise Aufgabe des eigenen Verwertungwillens von geteilten Inhalten auch als Modi des netzwerkens zu erwägen. Meistens führt eine Attraktion aber zu einem Gegenaffekt Dankbarkeit und Freundlichkeit sind daher beim Anbahnen grundlegender Sicherungsnetze in der „Fremde“ wahrscheinlichere Netzwerkknotenbilder.Geld ist aufgrund seiner Qualität als Mittel der Mittel, das Einfallstor schlechthin für Korruptionen und damit die indirekte Auslieferung an die Verbannung in glattes Terrain. Andererseits ist in Situationen körperlicher Schwächung, die auch zu emotionaler Disharmonie führen kann Geld als einfacher Türöffner, sozusagen als doppelter Boden vorzuhalten. Die Ablehnung von Geld als generalisiertes Austauschmedium, kommt einem Auftauchen des wirklichen Frontverlaufs gleich. Und führt daher auch zu anspruchsvollen radikalen Reaktionen.  Wenn es aber wirklich darum gehen soll eine Schule des Schreibens zu erschaffen die durch die Begegnung mit Menschen außerhalb des isolativen Raumes des Privaten und Öffentlichen entsteht ist Geld ein Hindernis. Dann muss die authentische Begegnung auch in der Lage sein die Würde des Menschen als eines unschätzbaren Schöpfers seiner gemeinsamen Situation ans Tageslicht zu befördern. Wenn sich Menschen in dieser Weise begegnet sind, dann wird Geld ein praktisches Mittel. Vorher ist es aber das Vorrecht im Eigenen zu bleiben und anderen korrupten Menschen die eigenen Leistungsforderungen abzuverlangen. Es ist ein Medium der Anteilnahme, ohne emotionale Anteilnahme.Es ist nicht die Einheit in Vielfalt, sondern die Einheit in Einheit.Das Wort was mich gerade am meisten gespannt macht ist „Politik der Freundschaft“. Es war Jacques Derrida, ein Franzose, der darüber geschrieben hat. Wir schwer ist es doch in der Fremde Freunde zu finden. Mit Geld ist es aber so gut wie ausgeschlossen. Dabei ist Freundschaft wie sie Aristoteles versteht, ein wechselseitiges unterstützen des anderen, nur um seiner Einzigartigkeit willen.Klar gibt es auch Freunschaft aus dem Motiv der Lust. Beides habe ich in auf der Reise erfahren dürfen und es hat mich auch  dazu angeregt selber Sponsor zu sein.

Die Philosophen einer neuen Gattung werden die Koexistenz unvereinbarer Werte hinnehmen. Wir, als Freunde, sind zunächst Freunde der Einsamkeit. Und rufen euch auf, mit uns zu teilen, was sich nicht teilen lässt. Was sich hier ankündigt, ist die anachoretische Gemeinschaft derer, die lieben, indem sie sich entfernen”

(Jacques Derrida, Politik der Freundschaft)

Die Voraussetzung dafür in Frankreich Freunde in diesem Sinne zu finden sind vielleicht: Ein kleiner Vorschuss an Sprache, ein genügender Grundstock um im glatten Raum zu navigieren: Geld. Und Zeit um alles gekerbte, holprige und grobe zu verarbeiten und in Würde Anerkennung und Worte umzumünzen.

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Neu erschlossene Heimat: Der gute Hirte über Hütten

 

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Author: farounfirewater

Ich bin der singende tanzende Aufwind der neuen Welt

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