Auf den Spuren der Leidenschaft

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Freiburg: Die Vauban als Spiegel der Vergangenheit

Der Abend eines ereignisreichen Tages mit Besuch auf Schloss Mochental und den Begegnungen mit Jugendlichen in Riedlingen und Messkirch, verlangte nach Speed. Vorbei an Tuttlingen mit seinen gigantischen medizintechnischen Gebäudekomplexen von Aesculap, Immendingen und Engen, wo eine engelhaft schöne Bekannte aus Studienzeiten herstammt und dann schnurstracks vorbei an den Schluchten bis in die traute Wiehre, wo ich einst lange gewohnt habe. Darüber zu meinem Gastgeber Robert in Merzhausen, welches streng genommen Freiburg gegenüber eigenständig ist. Eine schöne Rückblende in die Zeiten der sozialen Kämpfe bot ein Feature im anarchistischen freiburger Radio-Dreieckland,welches die Entstehungsgschichte, des nach den G 20-Unruhen verbotenen, Mediennetzwerks Indymedia links unten erzählte. Ich kenne den Medienaktivisten von Cine Rebelde, der in Zeiten entführte als auf Camps gegen die Weltfinanzordnung von 600 Leuten 5-7 Handies im Umlauf waren. Alte Erinnerungen stiegen hoch. Die Musik eines englischen Liedermachers in der Pause geht tief rein: „…and we kissed behind the barricades.” Das erste Indymedia-Center wurde für die Mobilisierungen zum G-8 Gipfel in Seattle 1999 aufgebaut. Und als von den Sicherheitskräften unerwartet Tausende die Innenstadt Seattles belagerten musste der Gipfel abgesagt werden. Eine der größten Legenden im linksautonomen Lager nahm ihren Anfang. Es wurde jeden Tag ein Newspaper in Seattle rausgebracht und die Bewegungen und Kämpfe begannen sich über Kontinente hinweg zu vernetzen. Nicht zuletzt über Indymedia. Was der Herr von Cine Rebelde sagt kann ich auch unterschreiben. „Wir arbeiteten danach zusammen weil wir an die Konvergenz der Kämpfe glaubten, auf dem Gipfel in Prag im Jahre 2000, gab es auch schon einzelne, die den Journalismus zu ihrem Ding gemacht hatten, und so um die Welt zogen. Alle Fotoleute hielen damals auf dem zentralen Platz in Prag ihre Kameras hoch. Auch damals war das Motto von Indymedia: Don´t hate the media, be the media.” Scharfe Schnitte heilen besser, hat mir mein altersweiser Gastgeber in Freiburg gesagt und eines ist klar und in den Worten des Videoaktivisten: „Bewegungen müssen Spuren der Leidenschaft hinterlassen.“

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Ein Stromkasten nahe dem Platz wo früher das Kommando Rhino siedelte

Spuren statt spuren

Freiburg, hier habe ich von 2006-2010 studiert und danach bis 2014 gewohnt. Hier habe ich teils meine ganze Leidenschaft in die Politik und das Verstehen, oder war es nur Theoretisieren gesteckt. Hier war ich meiner großen Liebe und dem Krieg als heimlichem Antrieb aller gesellschaftlichen Auseinandersetzungen auf der Spur. Hier liegen viele Spuren meiner Leidenschaft, auf dem Weg in die Vauban sichte ich den weißen VW-Bus meiner Ex-Freundin, beim Putzen erzählt eine Frau begeistert, wie gut ihr Kaffee schmeckt, wenn sie ihn kalt ansetzt. Freiburg, die Stadt der Begegnung der Länder, der Universität, der Ökobewegung und die Vauban als Stadtutopie als ihr Brennglas. Das Zentrum der Vauban mit ihren 5631 Bewohnern in den 90 er Jahren konzipiert, steht wie als ob sich die radikalen Pole doch im Herzen treffen würden auf der 1937 nach dem nationalsozialistischen Märtyrer Albert Leo Schlageter benannten, Kaserne. Diese wurde von den französischen Besatzungstruppen, die nach dem zweiten Weltkrieg nach Freiburg kamen, nach dem französischen Festungsbauer Sebastian Vauban umbenannt. Die Vauban, dass war für mich auch der Kampf um die experimentelle Wohnform der Wagenplätze. Um Frieden, Harmonie und Lebendigkeit, wie sie frei aus dem Inneren strömt. Jeweils anders. Um Kommando Rhino, von dem immer noch Wägen auf dem Gebiet der SUSI, der seit 1993 zur Vauban gehörenden selbstorganisierten unabhängigen Siedlungsinitiative, stehen. Zu den um die 300 Leuten gehören auch Bau- und Wohnwägen zwischen den Häusern. Das Kommando Rhino musste 2013 dem fünfstöckigen Green City Hotel weichen, die Wägen der Rhinos wurden eine lange Weile kostenpflichtig von der Stadt beschlagnahmt. 2014, ein Jahr später konnte ich mir, nach langer Suche in Freiburg nichts mehr leisten. In der Tradition der mobilen Wohnformen habe ich dann noch einige Monate im Zelt gewohnt. Bis es dann zu kalt wurde und ich ins Mutter-Haus auf der Schwäbischen Alb flüchten musste, mein jetziger Gastgeber war Fluchthelfer.

Wohnen in Bewegung

Gerade ist übrigens ein Zustand gegeben, der meinem Naturell entspricht. Ich nehme den Tag über, manchmal auch bin in die Nacht Szenen, Kleidungsstile, Menschen und ihre Geschichten auf, abends habe ich dann einen Erholungsraum und tags darauf kann ich meine Erfahrungen, Aufschriebe und Bilder dank der Informationsquelle des Internets in einen allerseits verstehbaren Rahmen binden. Dieses Verhältnis von Ruhe und Kreativität, lässt bei mir einen Flowzustand entstehen, in dem ich arbeiten kann. Viele Arbeitsformen, welche nur auf Arbeit und Erzeugung ausgelegt sind lassen meinen inneren Schöpfer verkümmern, ja wiegeln in zum Aufstand auf. Wie war das noch? „Leben ist das lange Ausatmen der Vergangenheit, und das tiefe Einatmen der Gegenwart um genug Luft für die Zukunft zu haben. Und etwas, was ich in der fliegenden Freiburger Zeit noch nicht verstanden hatte, entspringt aus einem Gespräch über die Parallelen der Lehren Sri Aurbindos und C.G Jungs. „Man kann nur so weit nach oben, wie man in die unteren Bereiche eingedrungen ist.“ Heute abend ist das erste mal was durch das Facebook zustande gekommen, mein alter Singkreis vom Seminarhaus am Schönberg, das mittlerweile zugemacht hat, trifft sich jetzt in einer Arztpraxis in der Vauban.

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Rohe Romantik von botschaftlichen Brennstoffbehältern und darunter französisches Familienfrühstück, eine der vielen Ansichten der Susi

Stille, Klang und Stift auf Papier

Ungefähr 15 meist ältere Leute versammeln sich um die Gitarre von Ananda, der den Singkreis gewöhnlich gemeinsam mit Sky macht, der heute auf der Insel weilt. Die Lieder sind meist aus demKosmos des indischen Pantheons. Das erste Mantra ist für Sarasvati, die Blaue, die Fließende und mit ihrem Mantra beginnt die Einstimmung der Anwesenden auf den gemeinsamen Klang.Danach kommt ein Mantra für Shiva. Shiva der männliche Gott und Sarasvati, die für das weiblich Prinzip stehen, sind nach dem schönen Gesang beide im Raum. Dann liest Ananda das Gedicht „die Herberge“ von dem orientalischen Mystiker Rumi vor. Darin geht es darum, dass man alle Einflüsse, die auf einen zukommen willkommene wie unwillkommene mit offenem Herzen aufnehmen soll.Nach dem letzten Wort erklingt in meinem Ohr das schöne Geräusch von Bleistift auf Papier. Hinter mir ist eine weitere, um einiges fleißigere Mitschreiberin. Nach und nach werden die Sängerinnen und Sänger gelöster ein indisch aussehender junger Mann steht auf und klatscht extatisch beim Krishna-Mantra. Mein Freund, der mich via FB hergelotst hat spielt übrigens Trommel. Auf dem Zenit der Stimmung werden die Lieder immer einfacher und tiefer. Zum Schluss ist es ein bisschen so als ob die Menschen sich hier wie eine Sonne erhitzt haben um nun hinauszustrahlen über diesen bemerkenswerten Stadtteil Vauban hinaus. Nach dem Singkreis bekommt Silvio, ein Freund von Krishna, mit dem ich über Fotografie spreche unser Gespräch mit und bietet mir ein Stativ an. So ein Moment des Wissens um Synchronizität stellt sich ein. Ich fahre ihn nach Mengen wo er beim Biolandgärtner arbeitet. Wir sprechen über De-Pression und Ent-täuschung. Er geht die Dinge ethymologisch an und hat tiefe blaue Augen, wir verstehen uns.Er erzählt das er mit seinem Sohn zusammen in zwei Bauwägen wohnt. Er gibt mir einen gecontainerten Smoothie. Also einen aus dem Müll geretteten.Und versorgt mich mit unverkäuflichen Kartoffeln,Pastinaken und Maiskolben. Der Mais mündet vorzüglich in meinen Mund. Ach was wir früher containert haben, schöne Zeiten. Schwer vermittelbar. Ich fahre Heim. Ein schöner Tag.

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Eine SUSI-Ansicht vom Spielplatz der Vauban aus gesehen

 

 

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Author: farounfirewater

Ich bin der singende tanzende Aufwind der neuen Welt

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