Ins Obstwiesenfestival geraten

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Die “Biene” und Blickfanggestalterin Desiree Berg und ihre Blumenkinder

Eine Blumenwiese in Zeiten des Bienensterbens

Am Donnerstag traf mich der Schlag als ich in der heimischen Bibliothek das Plakat vom Obstwiesenfestival sah. Erst dachte ich es wäre schon vorbei, doch dann sah ich es beginnt heute, Donnerstabend und was erschwerend dazu kommt: Tocotronic kommen.Ohne einen Plan von den anderen Bands und an diesem Abend noch mit Plichtaufgaben übergossen, die mich einen Termin absagen haben lassen, plane ich Freitagabend zu gehen.Dann braucht mein Bruder kurzfristig das Auto, viva la carsharing, und ich muss zu einem Termin in Ulm von der Laichinger Alb mit dem Bus fahren, völlig überfordert lasse ich Geldbeutel und Fotoapparat in der Knutschkugel liegen. Bei Bodo Ramelow hoffe ich das die Genossen mir ohne Not zeitnah Bilder von Bodo schicken. Ich warte immer noch.

Freitag nach der Wahlkampfveranstaltung mache ich mich auf nach Hause. Im Hinterkopf ist mir 18.50 Uhr spielt Voodoo Jürgens , von dem ich durch eine kurze Youtube-show angefixt bin. Busfahren ist langwierig, aber mit dem journalistischen Erkenntnistrieb vermag es auch der Bus zu ganz neuen Ufern zu sein. Am ZOB-ULM Ost begegnen mir um 17.30 Uhr die erste Festivalheads. Tom aus Blaustein, ist eine Goldgrube für diejenigen die sich instant Wissen über die Musikanten des Festivals drauf ziehen mögen. Er hält es nämlich vor jedem Festival so, dass er sich von jeder Band ein-zwei Youtube-Videos anschaut. „Von wegen Lisbeth“, seien heute Abend Headliner und hätten intelligente Texte, sein Favorite auf dem OBW sei aber Goldroger, der morgen spiele, bei dem lohne es sich definitiv gleichzeitig die Texte nachzulesen-ganz bemerkenswerter Hip Hop, lobt er. Ungefähr gleichzeitig wird uns, denen die nach Dornstadt zum Festival wollen, und mir klar, dass wir auf dem falschen Bahnsteig sind. Wegen meines Laptops sehe ich davon ab mich den attraktiven Horden spontan anzuschließen. Die erste Meute fährt am ZOB Ulm West ab. An die Haltestelle neben meiner kommt danach ein Mädel, das ich auf 17 schätze und die definitiv aufs Festival will. Ich setze mich zu ihr hin. Sie heißt Lena ist 27 und trifft sich auf dem OBW seit ein paar Jahren mit ihren alten Kommilitonen aus dem Studiengang Kultur und Medienbildung in Ludwigsburg. Sie freut sich auch auf „Von wegen Lisbeth.“ Findet Festivals seien Freizeitparks für Erwachsene, Campen, trinken und leicht in Kontakt kommen. Ich gebe ihr schweren Herzens mich abermals gegen das switchen der Busse entscheidend (m)einen Rosenquarz als Symbol meiner liebevollen Verbindung mit der Blumenwiese in Zeiten des Bienensterbens.

Dienen geht vor Dehnen

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Sehr schön: Eine Kultur der Berühung, des Umsorgens und der Zärtlichkeit

Das Joga obstwiesensamstags um Elf wäre aus meiner vielleicht etwas spirituell verbrämten Warte der beste Einstieg in den Samstag auf dem Umsonst und Draußen Hotspot gewesen. Jetzt wo ich auf meinen eigenen Körper hörend, die Lisbeth ausgelassen habe. Doch wie es der schwappende Inhalt will, fällt auch dieser Plan aus seinem Rahmen, da die traute Familie mich jetzt just um elf zur Waldarbeit forderte. Der harte Albwinter ließ als fremder dräuender Gast grüßen und das Reich der Notwendigkeit hatte viele Widerhaken in Form von Ästen, in die Schwarten getrieben, die nicht so easy peacy krachen wollten.Danach musste ich mich erst mal hinlegen und meine aufgeplatzten „Pianistenhände“ versorgen.Ohne schweres Gepäck, wie ich es gestern noch zu planen ersuchte, fuhr ich jetzt in Ermangelung von Zeit und ohne Vorankündigung bei der Festivalleitung los. Ohne über die Kategorien Camping und Massenparkplatz nachzudenken, verschlug es mich neben den Eingang des Albaufsteigstunnels des S 21-Bahnprojektes.Um auf den tocotronischen Schluss vorzugreifen: „Ich bin von Anfang an zu weit gegangen, doch es zieht mich zu dir hin.“ Vor mir steigt eine Mami aus und richtet den Kinderwagen.Links eine liebäugelnde Blondine, rechts ein Schießstand gehe ich sicherheitshalber in Richtung Musik; als mir ein regenbogenfarbener Sonnenschirm entgegenrollt. Bald ist es so weit und ich begegnete einem festivalhistorisch interessanten Duo. Jürgen und Daniel, aus Neu-Ulm und München kommen schon seit 14 Jahren her. Das Bier sei wieder teurer geworden, mittlerweile sei es auf der Wies´n in München billiger, lachen sie und bieten ein Bier an. Aber das OBW ist noch älter, sein Geburtsjahr ist 1990(ich zitiere nicht gläsern klare Quellen) Früher sei es im Juli an dem Wochenende vor dem Schwörmontag in Ulm gewesen, der Termin jetzt sei besser da sei man am Schwörmontag fit, lacht Daniel.

Warten auf den Wandalismus im Ghetto der Glückseligen

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Vorposten:Sascha aus Biberach hatte von seinem umgebauten Krankenwagen für 17 Betten einen ausgezeichneten Blick auf die Festivalbühne

Spätestens zu Tocotronic um 00.05 Uhr wollen die gmiatlichn Dudes auch zur Bühne kommen, kneifen sie die Augen zu. Die Band die Sauna hat unlängst noch Tocotronic in Wien supportet. Als ich die für die „Sauna“ eingeplante Zeit für die ersten Camperverbrüderungen aufgewendet habe, weiß ich das noch nicht. Die Band hat in meinen Ohren aber eine große Zukunft. Endlich auf dem Festivalgelände angekommen, sehe ich es gibt eine Garderobe, ich hätte meinen Laptop also schon gestern verwahren können. Gute Organisation ist das Rückgrat für Spontis, danke ihr 350 Freiwilligen, die auch dieses Jahr wieder, dieses kleine Utopia möglich gemacht haben. Nur noch ein letzten Mal für heute marschiert die Vergangenheit in mein Hier und Heute ein. Die Securities fangen meine Kamera ab als Gegenstand der draußen bleiben muss. Zum Glück verstehen die Garderobendamen, auch Ihnen sei gedankt, ich war zu geizig für Sekt, auch Frust, und nicht nur den österreichischen Charme. So bekomme ich nach einer halben Stunde Wartens in der Sonne ein Ok, mein liebes Arbeitsmittel mit rein nehmen zu dürfen. Mein Unwille jetzt nochmals Sachen den weiten Weg von der Wüste der beräderten Stahlgestelle zum Camping zu tragen und mein Geiz zehn Euro für die Campinggemeinschaft zu zahlen, führen dazu, dass ich euch keine Eindrücke von dem „Ghetto der Glückseligen“ weitergeben kann.

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Samstag ca. 17.45: Dives aus Wien in Aktion

The futures female und Buchstabentanz: Dives und Goldroger

Zwanzig nach fünf bildete sich langsam eine sitzende Traube um die Hauptbühne. Eine weibliche Band aus Wien mit einer bemerkenswert steilen Karriere, erst vor 2 ½ Jahren gegründet ist angekündigt Dives.Die drei schwarz gekleideten Mädchen aus Wien versammelten dann während ihres ersten Stückes immer mehr Leute um die Bühne. Die Schlagzeugerin, liebt es eine der „Gitarren“ zu fixieren und sie ganz in ihren eingängigen Rhythmus hineinzunehmen. Sie ist das äußerst bewegliche Rückgrat der Performance, abgesehen von den schönen, etwas antipathisch zurückgenommen bleibenden Sängerinnen. Punk-Attitüde. Die es aber emotional hochgeschlossen umso spannender verstanden mit den Schlüsselreizen zu spielen.Punk-Ego. Das super schwingungsfähige Publikum zeigte sich erstmals als eine Saite riss und dann tönte auch noch die Notgitarre miss. Ein vermeintliche Miss, entpuppte sich bei den effektvollen Tempowechseln der Band aber als eine musikalische Rhetorik um lebensweltliche Kakophonien und Aufgebrachtheiten zu vertonen. Indie-Underground-Vibes eine neue Facette des wabernden Wiens.

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Goldroger: Ein Springbrunnen dichterischer Kreativität jenseits jedes Hip Hop Klischees voll von noch ungehobenen Schätzen

Goldi – Ein Poet  der aus der Zukunft scheint

Und nun war es Zeit das erste Mal das blau-rote OWF-Zelt zu erkunden und zwar in der Atmosphäre den die drei Jungs „Goldroger“ aus Köln mit ihrem Hip Hop zu erschaffen vermögen würden. Vielseitig, wie es der vorzügliche OWF-Band-Guide ankündigte „mal zurückgelehnt, mal in die Fresse und mal verträumt und melancholisch“ kamen die drei Herren daher. Die erste Ballade meines Tages „Harry Haller“ geht gleich tief rein, tief in die kulturelle Referenz, in das Nicht-Leben-Können mit ihr und das Nicht-Sein-Können ohne sie, das steppenwölfische des H.H, des Hermann Hesse. Der Rapper aus Dortmund schürft tief als er auf das Geländer steigt in den Rhein sieht und dann rein pisst und denkt es wäre so leicht.Ein wunderbar inszeniertes Selbstmordszenario.Er wolle lieber mehrere Facetten abbilden als nur der „Womanizer“ oder „Staatsfeind“ zu sein und das schafft er. Er entfaltet ein erstaunlich vielfältiges Feuerwerk der Sprache umspielt von vertrippter Gitarre und DJ-Klangflächen. Leider sind die meisten Texte nicht zu verstehen aber man kann es an den Publikumsreaktionen ablesen dieser „Goldie“ ,wie ihn seine Freunde liebevoll nennen, ist bereit die Liebe im Arm zu halten während sie schläft. Er reiht sich ein in den Kreis der Nachtwächter, von dem die Älteren vor der Inspirationsinfusion dieses Festivals, nur noch in Tocotronic die Funzel halten sahen. Ein Bombenkonzert. Goldroger- eine Band die aus der Zukunft scheint. Übervoll mit Fragmenten, die nach Vervollständigung schreien geht es raus, wo ich wie von Elfenblinken an die Quelle der ästhetischen Blumenkränze, die mir schon die ganz Zeit einleuchteten geführt werde.

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Granada:Die Band hat Schmäh und Selbstbewusstsein, das Akkordeon gibt ihr das gewisse etwas

Hinds und Granada: Hirschkühe und Hosenkavaliere

Desiree Berg, die sich treffend Blickfanggestalterin nennt, knüpft hier ihre letzten Kränze. Sie sei ausverkauft, 50 Kränze seien heute rausgegangen und sie sei voll beglückt so vielen Mädels und Jungs behilflich gewesen sein zu können. Was ästhetische und kulinarische Anreize betrifft findet der gelassene Geist hier die rechte Fülle zu seiner Leerheit. Im Zelt wird es jetzt mit Häxxan, gesprochen Chasan, aus Israel, noch einen Kanten tanzbarer.Das die Jungs aus Tel-Aviv sich nach einer leichtentzündlichen chemischen Flüssigkeit benannt haben ist Programm. Ästhetik, Leidenschaft und ursprüngliche Dreckigkeit machen die Band zu einem der zwei Tanzteilchenbeschleuniger im Zelt am Samstag. Auf der Hauptbühne haben Granada die anregende Zeit der Abenddämmerung ergattert. Die fünf Jungs aus Graz haben Schmäh, man fühlt sich an Wanda erinnert die 2015 hier die Frauenherzen mit “A Mann für Amore“ zum schmelzen brachten.Das Akkordeon, also urwienerisches Instrument und Wien als alte Hauptstadt von Österreich-Ungarn, alles das klingt in dem Konzert, oberflächlich betrachtet an. Der Wille zum Weib witzig verpackt. Zwischen schön und obszön.Saunatalk: „Hör mir zua, hör mir zua, viva la Körperkultur, das schreit nach mehr Temperatur.“Viel Lust und leichte Lebensart trugen die feisten Österreicher in das Körperkollektiv ein. I wül nimma danzn. Sing der Frontmann Thomas Petritsch zum Schluss ins Mikrofon. „Komm bring mi jetzt ham.“ Bei den Hinds, dieser Girlgang aus Madrid, habe ich ein bisschen mein Ohr verschlossen. Weil sie mir zu gööörlisch waren und ich fragte meine Nebenfrau Gabi, die meinte auch „die piepsen mir zu sehr.“ Mittlerweile ist es Nacht. Im Zelt feuert die letzte österreichische Garde mit Gudrun von Laxenberg aus zwei Turntables intensiven Elekropunk. Darüber fliegt eine sexy Frauenstimme, eine spektakuläre futuristische Show von Austronauten in den Kostümen von Astronauten. Das Zelt bebte und Hände und Füße flogen durcheinander.Der zweite Tanzteilchenbeschleuniger des Samstags.

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Tocotronic: 25 Jahre,Kuscheltiere, E-Gitarre, Regenbogen und  Faust hoch gereckt

Tocotronic: Electric Guitar

Tocotronicsänger Dirk von Lowtzow grüßt das Obstwiesenfestival: „Nach 10 Jahren wieder mal“, freut er sich. Die Band ist gealtert.25 Jahre, fast so alt wie das Obstwiesenfestival. Das Genie der Combo zeigt sich beispielhaft in „Electric Guitar“ das als Video vor dem 2018 er Album „Unendlichkeit“ rauskam. Manic Depression im Elternhaus“ bezeichnet den Aspekt der bandbiographischen „Coming of Age Hymne“ Electric Guitar ist ein Geburtstagssong für die 100 Jahre alt gewordene E-Gitarre.Poetisch und groß denkend wird sie dort als Sternbild dargestellt. Auch Leute aus England, die die Texte nicht verstehen, finden den Sound geil, tanzen darauf. Electric Guitar. „Ich erzähle dir alles und alles ist war“, singt er in seiner großartigen diktierenden Art „Electric guitar“, das ist etwas was jeder der Rockmusik liebt nachvollziehen kann, selbst wenn er es sich noch nie getraute ein so mächtiges Ding wie eine E-Gitarre in die Hand zu nehmen. Man kann ihr alles erzählen der Musik. Und vieles erzählt auch die Liedliste von Tocotronic. „Kapitulation“ zum Beispiel fordert sie alle zum Aufgeben auf „Die Stars in der Manege“ ebenso wie die „Wölfe im Gehege.“Diese Songs stehen immer noch da wie uneingelöste politische Manifeste. Die ganze schreckliche Spannung des Erwachsenwerdens verdichten diese beiden Zeilen von „Electric guitar“, „Ich zieh mir den Pulli vor dem Spiegel aus, Teenage riot im Reihenhaus“ und „du ziehst mir den Pulli vor dem Spiegel aus sex and drugs im Reihenhaus.“ „Alles hat ein Ende nur der Diskurs hat zwei“, meint Lowtzow, nach dem er das affengeile Publikum gelobt hat.

Das Obstwiesenfestival 2018 endet mit einer Botschaft: Electric-Guitar.

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Author: farounfirewater

Ich bin der singende tanzende Aufwind der neuen Welt

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