Kugelrund und google-bun

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Ein sprachakrobatischer Schauspieler mit Werten: Ein Gewinn für das Kabarett

Rene´ von Sydow über Handel, Krieg und totale Überwachung

Kultur im Museumshof in Neu-Ulm. Fünf Minuten vor Beginn des Kabarett-Abends mit dem Namen „Die Bürde des weisen Mannes“ unterhalten sich die Leute noch angeregt über den Genuß des Faßgeruches von Whisky und über das Ur-FKK das ihre Nachbarn damals in Kroatien gemacht haben. Dann kommt der Schaupieler und Regisseur von Sydow auf die Bühne. Energiegeladen und dramatisch ruft er den ersten Vers des Johannes-Evangliums aus. „Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott, und das Wort war Aufschwung.“ Die erste Blasphemie, der im Laufe des Abends noch einige beigestellt werden sollten. Aufschwung das sei das wo wir alle nicht dabei seien, aber es fühle sich gut an meint der in Duisburg Wohnende zur Erklärung. Die Gotteslästerung rechtfertigt er damit das er in den 80er und 90er Jahren, in der Spaßgesellschaft aufgewachsen sei.„Da war Religion was für Alte, Kranke und Spinner.“ Heute hingegen seien die klaren Regeln der Religion wieder hoch im Kurs. In Zeiten der Finanzkrise 2008, hätten die Evangelikalen in den USA einen Aufschwung gehabt. Klar: Wenn Objekte, wie Immobilien an Wert verlören , dann stiegen immaterielle Werte wieder im Kurs. Vielen Gläubigen sei das nun vielleicht zu viel Blasphemie auf der Bühne, reflektierte er. Dann parierte er aber seine Bedenken mit einem unmissverständlichen Stendhalzitat: „Die einzige Entschuldigung Gottes ist, dass er nicht existiert.Er wolle also dem Pfaffen keinen Zucker geben und Vatikan, dass heiße für ihn Vati kann.So wenig er von dem Konzept Gott hielt, so hoch lobte er die deutsche Kultur, darin vor allem die Humboldtsche Bildung. Einer Politik aber die von Vollbeschäftigung rede in einer Zeit wo tausende mit einer Berufsausbildung bei der Tafel Schlange stünden, halte er nichts. Auch an Industrie 4.0, Internet der Dinge und Digitalisierung lies er kein gutes Haar. Ein Mensch verdiene per Gesetz 8,84 Euro Mindestlohn in der Stunde. Der Betrieb eines Roboters koste heute schon nur 4,50 Euro. Darüber hinaus steigere ein Roboter seine Produktivität jedes Jahr um 5%, was man von Angestellten wohl nicht annehmen könne. Es gebe heute schon Wallstreet-Unternehmen Algorithmen statt Arbeitern ein. Es war sogar schon ein Algorithmus im Aufsichtsrat, der wurde dann aber gelöscht, weil er ein Verhältnis mit der Frau des Chefs angefangen hat, witzelte preisgekrönte Kabarettist.

Es gibt mehr Internetzugänge wie Klo´s auf der Welt

Sein Talent Konkretes und Abstraktes in der Sprache entlarvend zusammenzufassen spielte er gekonnt aber wohldosiert aus. Es gebe auf der Welt mehr Internetzugänge wie Klos: „Da muss man sich eben entscheiden W-Lan oder Stuhlgang.“ Auch Geschichte und Gegenwart bezog er gekonnt aufeinander. Im Mittelalter seien Dorftrottel mit Rotz gemartert worden, heute begämen sie Sendezeit im TV.Das solche B-Promis Schirmherren für die Stiftung Lesen seien, das sei wie wenn man Udo Lindenberg bitten würde: „Pass doch mal auf meinen Schnaps auf.“Und dieses ständige: „Wir müssen die Leute da abholen wo sie sind“, müsse man scharf ablehnen.Ein Museumsbesuch, ein gelesenes Buch, das sind alles Dinge die einen erst einmal überfordern. So sei es auch in der Bildung. „Ja es gibt die Schwarmintelligenz aber es gibt verdammt nochmal auch die Dummheit der Masse“, plädierte er an Vernunft der Zuhörer. Youtuber wie Bianca Heinicke und Felix Kjellberg, seien kaum der deutschen Sprache mächtig. Ihre Fans hätten im Allgemeinen nur noch zwei Fähigkeiten: 1. Nahrung verdauen, 2. Vermehrung. Kjellberg mache 34 Millionen im Jahr damit, dass er Videospielsequenzen live kommentiere. Sie jungen Leute verlören ihre Sprache während sie mit Youtube-Videos zugequasselt würden. Was macht man gegen diese verblödeten Glotzbrocken? Von Sydow empfiehlt den Eltern: Statt jeder Pille 20 Minuten Fussball-Spielen. Aus einem Zwiegespräch zwischen Ihm und seinem Klingelton verkaufenden Nachbarn, dessen Hunde Proxy und Server heißen, ergab sich einiges.

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Mit Wortverdrehern, klarer Sprache, heftigen Beispielen glänzte der man der in Duisburg lebt

Entscheidungsszwang in einer Welt aus Nullen und Einsen

Zum Beispiel das von Sydow gar keinen Kühlschrank will, der sich bei erhöhtem Kolesterinwert selbst verschließt. Und auch kein Auto, welches durch Sensoren im Internet der Dinge in der Lage ist seiner Krankenkasse zu melden wieoft er letzen Monat beim Mc Donalds war. Vielmehr brachten diese Ausflüge in die mögliche Zukunft Sydow zu einem sozialwissenschaftlichen Deutungsmodell. Jeremy Bentham, der englische Philosoph konzipierte im 18. Jahrhundert Gebäude die durch ihren runden Bau und ihre Wachposten möglich machten, dass viele Insassen von Gefängnissen oder Fabriken durch wenige überwacht werden konnten. Er nannte diese Gebäude Panopticon. „Bentham nannte es Panopticon, wir nennen es Google“, meinte von Sydow düster.Der Transhumanist und Google-Chef-Ingenieur Ray Kurzweil meint ab 2021, die ersten Sicherungskopien von Menschen machen zu können.In einer schauspielerisch hochwertigen Schlussansprache des transhumanistischen Nachbarn hieß es: „Die Lehre von Ikarus ist nicht nicht zu nah an die Sonne zu fliegen, nein, er lehrt uns besserte Flügel zu machen.Freizeit ist die Arbeitszeit an der Persönlichkeit. Die Zukunft besteht nur aus Nullen und Einsen, du musst sich eben entscheiden, was du bist.“ Nach der Pause ging es genausoheftig weiter. 75 % der Insekten seien in den letzten 10 Jahren ausgestorben. Da könne man spontan sagen, schön, dann ist meine Scheibe nicht mehr so dreckig. Doch nach dem Insektensterben komme das Vogelsterben, es gebe jetzt schon 15 % weniger Singvögel wie vor 10 Jahren. Und in letzter Konsequenz kämen dann die Säugetiere Nur das das klar sei, die IT-Branche stoße genau soviel CO2 aus wie die Flugbranche.

 

Durch unsere Adern fließt Strom

„Durch unsere Adern fließt kein Blut mehr, durch unsere Adern, fließt Strom“, sagte er es poetisch. „Nicht die Zeit rennt, wir rennen.“ Und packt man es nicht mehr nennt man es „Burn-Out“ nicht Erschöpfung, damit es sich männlich anhört. Unser Gotteshaus sei die Shoppingmall, unser Katechismus Google und unser Angebetetes das Kleid für 3 Euro. Warum der Abend „die Bürde des weisen Mannes“, hieß wusste man noch nicht. Nur das es eine Anlehnung an das Gedicht „Die Bürde des weißen Mannes“ von dem weißen Mann Rudyard Kipling über den Imperialismus war. Bildung so Wilhelm von Humboldt sei die: „….“Anregung aller Kräfte eines Menschen, die in ihrer Einzigartigkeit andere Menschen bereichern.“ Da ganz zum Schluss der Vorstellung mein Handy sich dank einer vergessenen Weckzeit schellend meldete, weiß ich nicht ob von Sydow noch etwas zur Bürde des weisen Mannes gesagt hat. Kipling hat  jedenfalls damals 1899 die imperialen Kriege der USA unterstützt und von Sydow hat den Faust 2 von Goethe zitiert: “Krieg, Handel und Piraterie, Dreieinig sind sie, nicht zu trennen.” Auch wenn wir es heute Friedenseinsatz statt Krieg nennen, sind diese drei auch im globalen System nicht wegzudenken. Kiplings äußerst lesenswertes Gedicht plädiert für den Krieg des weißen Mannes. Das Humboldtsche Bildungsideal plädiert für die Emanzipation der Menschheit. Vielleicht ist es des weisen Mannes Bürde, dass er damit ein Rufer in der Wüste der Berufs-Kompetenzen ist, in der Leistung, Effizienz und Geschwindigkeit, eine Erziehung zu Leidenschaft und Selbstbestimmung verdrängt haben.

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Author: farounfirewater

Ich bin der singende tanzende Aufwind der neuen Welt

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