55 Jahre Jazz Made in Germany

550 feiern mit Klaus Doldinger in Blaubeuren

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Eigentlich kennt man von Shisha-Bars blau als die “arabische Farbe” heute war es ganz klar gelb-rot
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Die Band von links: Ernst Stöer, Biboul Darouiche,Michael Hornek(Keyboard), Christian Lettner, Patrick Scales, Klaus Doldinger, Martin Scales

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge schaut Peter Imhof, das Haupt der Organisation der Blaubeurer Sommerbühne auf das letzte Konzert der Saison mit Klaus Doldinger und seiner Band. Doldinger, der zum 9. mal hier gastiert, ist selbst sehr dankbar für die gute Organisation und uns an seiner Beindrucktheit von dem Ort teilhaben, Firmen aus Blaubeuren, Ulm und Ehingen haben die Sommerbühne 2018 wieder möglich gemacht. Die Leute sitzen schon vorher in mediterraner Atmosphäre zusammen und trinken und essen, alles ist und war gut vorbereitet, hier muss es niemandem an etwas mangeln. Klaus Doldinger der 1936 in Berlin geboren ist, hat den Krieg noch miterlebt, sein Schlüsselerlebnis was Musik betrifft hatte er allerdings nach dem Krieg in Schrobenhausen in Bayern, wo seine Familie von Wien aus hin geflüchtet war. Dort spielten amerikanische Soldaten in einer Gastwirtschaft Musik- Klaus Doldinger, der Pate des deutschen Jazz- hörte seinen ersten Jazz.Heute steht der 82-jährige da und ist ganz eingenommen von dem was er sieht. 550 Menschen Wegbegleiter in der Musik. „Ich fühle mich hier fast zu Hause“ ,sagt er und wirft der dem Publikum Küsse zu. „Ein unheimlich anrührender Anblick“, fügt er hinzu. Dann jammt die Band sich mit dem Lied Abracadabra ein, von der Platte „Hand Made“ aus dem Jahre 1973 ein. Doldinger ist Stier, er genießt es Michel Hornek zuzuhören wenn er seine Parts entfaltet. Es ist aber nicht nur das. Danach geht er in die Mitte der Bühne und haucht seinem Alt-Saxophon verhaltene Tonfolgen ab. Er stimmt sich weiter ein indem er in die Aura von Patrick Skales dem E-Bassisten eindringt und sich dort hineinschwingt. Dann erst geht er vor und bläst das Thema von Abracadabra, den 550 meist langjährigen Freunden seiner Musik ins hungrige Ohr. 5000 Auftritte und Touren in 50 Ländern der Erde im Metier des Jazz machen ihn eher zu einem leidenschaftlichen Ideengeber und Mitgestalter von Musik, als zu einem Tonmaterialisten, der sich an jedes Tüpfelchen der Kompositionen hält.

Inniger Austausch zwischen Keyboarder und Saxo-Komponist

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Hornek war der erste Impulsgeber an dem sich Doldinger, ganz Empfänger, orientierte
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Das Dreigestirn der Perkussion machte alle aufhorchen

Dann nimmt Doldinger sich wieder zurück, wird zum Tonabnehmer, als er sich wieder zu Horneks Keyboards begibt. Wenn es nicht truglos und ehrlich daherkäme, so müsste man sagen Doldinger erkundigt sich wie ein General über die Verfassung seiner Truppen. Dabei ist er eher wie ein gleichberechtigter musikalischer Raumgestalter in der Welt. Diese Wahrnehmung bestätigt er in der Ansage nach Abracadabra selbst. Abracadabra sei ein Instrument um in verschiedene Klangsphären zu „geraten.“ Dieses geraten versteht man intuitiv in der hier und jetzt entfalteten Atmosphäre. Einzelne Läufe und Klangfarben reizen in den Musikern Ausdrucksformen an die emergent aus dem Spielen und Zusammenspielen erwachsen und so wandeln sich die Stücke „von Abend zu Abend“ wie der Altmeister es erläutert. Unter den Netzwerkknoten dieser musikalischen Freiraumspinnerei glänzt der Schlagzeuger Christian Lettner mit einer unverschämt positiven und entspannten Ausstrahlung und der Macht sich als „Schießbudenmann“ trotzdem im Hintergrund, der genauso zum Entstehungsmilieu toller musikalischer Figuren werden kann, zu halten. Die Band ist durch und durch Jazz.Sowohl Solo, als auch Teamspiel, sowohl Exzess als auch geräusch-asketisches in den Raum der Stille lauschen, welches Doldinger immer wieder so eindrücklich vorexerziert. „Dark Flame“ ist dann wieder ein Stück, dass stärker an die Noten gebunden ist. Dark Flame kommt gedämpft daher, sogar der zärtliche Drummer hat sanftere Schleger gewählt. In diesem loungigen Klangraum, kann Doldinger sein ganzes Gefühl auf dem Alt-Saxophon ausspielen. Ein Sternengesang, langsam köstlich und schön. Die dunkle Begierde nach einer Frau, die sich in einem leidenschaftlich harmonischen Liebesspiel warm entzündet. Zuerst aber ein Bruch im Stück.Soll ich oder besser nicht? Hornek´s Klaviertöne vibrieren wie eine glitzende Quelle aus der sich das Wasser ihren Weg durch das viel zu enge Flussbett sucht. Durch auf dem Weg befindliche Klangelemente entstehen Strudel, paradoxer Weise aber Strudel von heller Zuträglichkeit und funkelnder Natürlichkeit.Wie ein Kontakt-Machen, ein gezogenes Einbezogenwerden des visuell distanzierten Auges setzen nun Bass, Gitarre und Schlagzeug ein.Der „Saxo-Komponist“ lauscht zufrieden und angeregt, zugleich aber wie ein Tiger auf dem Sprung. Und dann ergießt er seinen letzten zarten Zauberton mit dem Klavierglänzen sich vermischend in die entspannende Mündung des Songs.

Die Entspannung steigt

Doldinger ist ganz klar keine Loop-maschine die mechanisch Sounds übereinander legt. Eher ist er eine „Klang-Schale“, in die andere „Klang-Schalen“ so lange Sounds eintragen bis er überfließt. Und nach dem der Hauptimpulsgeber Hornek einen wilden Sound aus den 70er Jahren anklingen lassen hat geht er in die Offensive.Er ist ja rein vom Alter her der Einzige von Passport der in dieser Zeit Musikern ganz Ohr war. Und dann geht er wieder zu Hornek hin und meditiert sich in seine Klangformen hinein. Dann kommt ihm eine Idee und er spielt einen bekannten Part aus seinem überreichen Material an Kompositionen. Ataraxia, heißt das Werk von 1971 das sie jetzt spielen.Den alten Fans ist das Lied gut im Ohr. Die prägende Klangfigur zu Beginn hört sich an wie eine perfekte Harmonie zweier Pole. Danach wird der Sound liquider, aber eher so wie der Geist, der über den Wassern schwebt, von dem die Bibel kündet. Aus dem Wasser steigt die Sonne auf- das Bewusstsein von Himmel und Erde. Dann folgen langgezogene Basstöne die einen wie aus der Fülle zum tiefen Ein- und Ausatmen anregen.Grün wirkt der Song, wie die Nebel, die gerade zum Himmel aufsteigen. Ataraxia ist bei der philosophischen Schule der Hedonisten die Seelenruhe, die aus der gelassenen Lust entspringt. Der Song kündet in seiner gehauchten Ordnung und Harmonie, wie eine Atemschaukel von Ausdruck und Raum. Ein selbstgenügsames Spiel, das sich selbst in Endlosschleifen verwirklicht und hingibt.

Das Beste kam zum Schluss

Jetzt als alles gesagt zu sein schien, machte die Perkussion das erste Mal von sich hören. Mit offenem Mund steht der Staunende vor den beiden wirbelnden Männern. Wenn man Weltmusik macht, dann kommt man an der ursprünglichen Kraft afrikanischer Trommeln nicht vorbei. Gerade noch als Doldinger vom truglosen Kind zum Kind avancierte, vom dem Heraklit wusste, das „die Weltspanne das Spiel eines Kindes…(sei), hatte er es vorexerziert und jetzt räsonierte in in 554 Ohren dieses Trommelfeuer. Erst Ströer und Biboul Darouiche heißen die beiden Feuerherde.

Ein Höhepunkt zum Schluss. In der Pause wurde von Leuten aus Fillingen-Schwennigen eifrig davon geschwärmt was das Saxophon doch für ein sexy Instrument sei.Fingerfreiheit statt WillensfreiheitIn der zweiten Hälfte gab es viel Raum für das Darbieten solistischer Exzellenz.Martin Skales, der als jüngstes Mitglied der auch personell sehr veränderlichen Kombodazu kam, hat den Rock ins Gitarrenspiel eingeführt. Nach seinem Solo, glaubte man, wenn es denn schon keine Willensfreiheit geben soll, zumindest an die Fingerfreiheit. Sehr erfreut gab sich Doldinger über die Weiterführung von dem Erfolgsfilm „Das Boot“ zu dem Doldinger, den Soundtrack geschrieben hat in einer Serie im bayrischen Fernsehen. Die monumentalen Klänge welche die Situation einer deutschen U-Boot-Mannschaft Mannschaft in der Tiefe, im Kampf Stahl gegen Stahl im zweiten Weltkrieg umschreiben sind einzigartig in ihrer bedrohlichen Kräftigkeit

und ihrem dramatischen Verlauf. Infusion Rag kam funkiger, lebensfröhlicher daher. Und bot eine bunte Brücke zu dem unerreichten Schlussstück des fast dreistündigen Konzerts: „Sahara scetches.“Mit einer afghanischen Querflöte und einem Seelenklänge rufenden Biboul Darouiche begann die Sezzion. Die urwüchsige unschuldige Kombination von der Bedeutungsschwere entleerten Rufen, die an Muezzinrufe im Islam erinnerten, erschuf eine ungewöhnliche Farbe der Freiheit.Das gelb-rote Licht, zeigte den Raum der Wüste als einen Platz der tiefsten Inspirationen vom Lichttechniker kongenial umgesetzt an. Ausgebrochen aus den eingeübten Käfigen der Gewohnheit und doch immer wieder zurückkommend auf die innig erhörten Loops, zeigten sie „Jazz made in Germany“, das Album das 1963, den deutschen Jazz mitbegründete ist 55 und die Legende lebt.

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Author: farounfirewater

Ich bin der singende tanzende Aufwind der neuen Welt

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