Donnerstags auf der Burg

Drei Bands fluteten den Innenraum der Wilhelmsburg mit veritablen Vibes

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Bei Roadstring Army hingen die Leute an Sebastian Seligers Lippen

Organisiert vom Studentencafé Ulm, ebenfalls ein Burgbewohner, und dem Verein Kunstwerk Ulm gibt es immer Donnerstags besondere Veranstaltungen mit freiem Eintritt in der Ulmer Wilhelmsburg in der Prittwitzstraße 100. Der steile Anstieg vom wohl ältesten lebendigen Spaßlieferanten Ulm´s, der Gold Ochsen Brauerei zur aussichtsreichen Wilhelmsburg, lohnte mit in sommerlicher Überfülle vom Eigentümer in die Freiheit gefallenen Früchten; und Informationen über das Wesen des Hopfens als Cannabis-Gewächs. Auf der Burg angekommen spielten bereits Moltke und Mörike in dem Innenhof umsäumt von breiten Wehrtürmen. Was von Moltke der preußische Generalfeldmarschall, der als militärischer Kopf zusammen mit Bismarck Deutschland kriegerisch aus der Taufe gehoben hat wohl dazu sagen würde? Mörike, der Dichter der romantisch-leutseligen Schönen Lau, hätte es bestimmt gut gefunden. Die dreiköpfige Band hat ihre homebase in Langenau und den jungen Musikern von 17- 19 steht die Gescheitheit und Lebensfreude ins Gesicht geschrieben. Sie wärmen die noch immer herbei strömenden Leute mit intelligenten und witzigen Liedern auf. In den Songs „Die vegane Domina“ und „Generation Lisa“ spielen sie mit Stereotypen unddem Problem das Vorurteile irgendwann stärker werden als der Wille dem eigentlichen Menschen zu begegnen. Ein Mann und ich reden zwei Lieder lang darüber wie spannend doch Name und Beschreibung auf der Kunstwerk-Seite sind, bis wir erkennen, dass die Band des Begehrens gerade spielt.Der Himmel ist zwar von Wolken gegräut, die Leute haben es sich aber größten Teils schon auf den schön ins Gelände eingefügten Sitzgelegenheiten und Getränken gemütlich gemacht. In der Umbauphase zeigt sich das viele von auswärts von Merklingen über Dornstadt und aus Bayern hergekommen sind. Viele sind wegen Roadstring Army gekommen, die wohl auf dem Popcamp auf dem Donaufest ihren Stempel aufgedrückt haben. Die beiden jüngeren Band´s sind sich, so Jonas der Lead- und Rhythmusgitarrist von Moltke und Mörike, schon auf dem Emergenza Bandwettbewerb, wo beide abgeräumt haben begegnet. Jetzt stehen aber Kosmo in den Startlöchern.

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Für verstehbare und gute deutsche Texte und schöne und reflektierte Musik sorgten Kosmo als die zweite Band des Abends

Cosmo “Alter Reihenhaus” rockten alles raus

Saskia Ochner Ansagerin von Donau 3 FM, hat sich überreden lassen unvorbereitet und deshalb „mit unrasierten Beinen“ wie sie preisgibt, die Bands anzusagen. Sie ist ganz hin uns weg von der Formulierung „Alter Reihenhaus“ welche die Ulmer Blues-Rock Band als Selbstbezeichnung angegeben hat. „Das ist das Alter wo man zu überlegen beginnt von der WG mit 20-jährigen in der man wohnt, damit man schneller zum Saufen in die Stadt kommt, auszuziehen und sich ein Reihenhaus zu kaufen, weil man ja auch an Kinder denkt.“ So ganz fatalistisch den Zeitaltern des Lebens ergeben gibt sich der Rock nun bekanntermaßen nicht. Die vier Typen mit Lust auf deutschsprachige Musik, welche sie in der Welt vermissen, haben zumindest trotz „Reihenhausmagie“ die freie Energie aufgebracht in diesem Alter in Ulm eine Band zu gründen.Wie guter Wein oder Whiskey ist da etwas gereift was nun in dem klaren, männlich-verletzlichen Gesang und dem erdigen eingängigen Sound von Cosmo fusioniert; und alle Mitdreißiger und höher, mit ihren körperlichen Verfallserscheinungen in gerockter und getexteter Lebenserfahrung versöhnt. Eine sauber Performance des Sängers die an Westernhagen erinnert. Allerdings mit 30 Jahre weniger Erfahrung, wie die Moderatorin mir steckte, was das „alter Reihenhaus“ auch wieder gewaltig relativiert, liebe Saskia. In Liedern wie „Alles muss raus“ leuchtete der steppenwölfische Hunger im bluesigen Gewand. Prägnant phrasiert, haute der Sänger seine Texte raus: „Alles muss raus. Will das was ich nicht hab, der Hunger macht mich nicht satt. Mehr als „Alltagsliebe“ gaben die vier Ulmer. Die schwarze rollende Musik mit den magischen Texten törnte die mittlerweile rund 500 Leute aller Generationen, die die Bühne umringten, an. Und so stemmten sie sich scheinbar erfolgreich gegen die dräuenden Regenwolken. Gute Gitarrenriffs und Soli garnierten den herzhaften Ohrenschmaus und der Song „Feeling“, der eine Trennung verarbeitet, wurde gekrönt mit einem Zitat von Rio Reiser: „Halt dich an deiner Liebe fest“, das unerwartet Scherben-Fans durch und durch ging.

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Sebastian Seliger: eine markante Stimme und ein passionierter Performer

Roadtrip in die Herzen der Zuhörer

Viele hatten sich auf Roadstringarmy gefreut, die laut Besuchern schon beim Pop Camp auf dem Donaufest Ulm ihren musikalischen Stempel aufgedrückt hatten. Und Prägnantes haben sie auch heute dabei. So ein wunderbar weich und oboenhaft verträumt klingendes Holzsaxophon und eine unbeschreiblich raue Stimme Sebastian Seligers. Die Vier Jungs aus Ulm, sind gerade angesagt, haben dieses Jahr den zweiten Platz beim Emergenza Bandwettbewerb Süd-West gemacht. Ihre Wurzeln sind aber in der Ulmer Straßenmusik, daher auch der Name Roadstring Army, was man mit Armee der Straßensaiten übersetzen kann. Seliger ist neben seinem verwunderlichen Studiengang als Zahnmediziner auch eine sich im Sound suhlende Rampensau ersten Ranges. Sein schelmenhaftes Lachen während er singt, hat Popstar-potential und schaut man sich die Seite der Straßensaitenkämpfer an, dann könnte das auch von dem Ende her hinhauen. Im „Song for California“ spürt man das Seliger und seine Jungs, die Straßen auch gegangen sind und nicht nur von den Schildern aus Fernsehen und Internet singen. Pure Energie und Spielfreude, schwappt da, das Publikum umschwemmend von der Bühne. Ein bisschen Country ein bisschen Stoner Rock, ein bisschen weitgereistes Freiheitsflair- ganz große Klasse.

Eine ganz besondere Energie auf der Bühne

Seliger mutet in seiner Verwegenheit in der Ästhetik der Band wie ein Rodeoreiter an. Er bemeistert das Wildpferd der RSA-Musik in dem er tief in die Knie geht, als wolle er aus der Tiefe den erdigen Sound hervorholen, damit er es seinem Publikum noch besser besorgen kann. Dann taumelt er wieder nach hinten wie überwältigt vom treibenden Drumming von Shane Gewerth, dem preschenden Bassspiel von Matthias Kost und dem kreativ-exzessiven Gitarreneintrag von Konrad Bizer. Aus dieser cowboyhaften Rückbeuge hievt er sich dann wieder nach vorne wie ein Hitzestrahl fährt es ins Mikro und er geht in die Knie. Das ist Leben, das ist Rock´n Roll. Die tanzende Fangemeinde verschwimmt unter dem Einprasseln diese ausdruckstarken Aufführungspraxis immer mehr zu einen stetig wachsenden Haufen ausgelassen durch die Gegend und ihre ebenso anregenden Begegnungen fliegender Arme und Beine. Auf der Suche nach Treibstoff, begegnet mir Dieter er hat „Roadstring Army“ auch auf dem Donaufest gesehen. „Ganz tolle Musik“ meint der Merklinger mit grauen Haaren. Die Burg ist ein besonderer Ort. Und die Veranstalter von Kunstwerk scheinen ein Händchen für angesagte und attraktive Künstler zu haben. Ich zumindest werde wiederkommen. Donnerstags auf der Burg.

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Die Motivation auf dem Nachhauseweg war klar auf jeden Fall Donnerstag wiederkommen!

 

Für nächsten Donnerstag, 16.08.18, haben die Ulmer Autoren ´81 in Kooperation mit dem Kunstwerk Ulm eine Literaturperformance namens “Auf Reisen” auf die Beine gestellt.Hier treffen sich Huckleberry Finn, Peter Pan und Long Silver instrumental verstärkt um 20 Uhr zu einer Literatutrperformance der besonderen Art.Ort: Wilhelmsburg Ulm, Prittwitzstraße 100, Eintritt frei.

Links:          http://kunstwerk-ulm.de/

http://ulmer-autoren.de/

 

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Author: farounfirewater

Ich bin der singende tanzende Aufwind der neuen Welt

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