Heimat deine Ferne

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links Dr. Jens Peter Abele, rechts Marcel Engler

Loisach Marci leuchten Blaubeuren musikalisch heim

Das Gute am Alten bewahren und auf des Alten Grund, das Neue bauen Stund um Stund, so stand es einmal an einem Schwarzwaldhaus, und ist geblieben. So ähnlich ging es Marcel Engler dem sprechenden Kopf der zweiköpfigen Band Loisach Marci als er in seiner Kindheit einmal auf eine Hütte bei seinem Wohnort Garmisch Partenkirchen kam. Da versammelten sich drei mit Hackbrettern und aus dem was die einzelnen kannten entstand etwas Gutes und Ganzes, daher rührt seine Faszination für Volksmusik. Was die beiden der andere, Dr. Abele daraus machen würden interessiert um die 120 Gäste. Gebannt erlebten diese nun eine Intro in dem der Jazztrompeter Marci vermittels einer gedämpften Trompete walgesangsähnliche Töne erzeugte, die gemeinsam mit dem bläulichen Licht und den säuselnden Sprachgebinden aus Abeles Mund eine ambiente Atmosphäre zauberten. Dann begann Abele die Tiefentöne der gedämpfte Blasmusik in die elektrische Welt der Gitarrentöne zu übersetzen.

Con-traditio musicale

Und so schmiedete sich schon der erste, wenn auch fließende Rahmen, Lederhose und Lederjacke. Auge und Dahinschmelzen, Auge und Verschmelzen und außeinanderfließend auf einer anderen Frequenz wieder Zusammenfließen.Engler trug eine Tracht mit großer Feder, die, eine Tragfläche der Lüfte auf seinem grünen Filzhut landete, nicht aber ohne noch im Ankommen zu sein.Ein klares Auge, wie das eines Volkskundlers, erschuf die wundervollen musikalischen Melangen zwischen einst und heute, die durchaus auch Ausblicke auf morgen zu bieten vermochten. Harsch war allerdings noch sieben Tiefentauchminuten das eindringen der Bässe. Man fühlte sich kurzzeitig wie ein negativ erstaunter Erwachsener, der in eine Goa-Party im Naturschutzgebiet versetzt wurde. Die Piccoloflöte verlieh dem Bauchdruck dann zum Glück wieder vögelfreie Flügel. Als die hellblaue Abele-Gitarre, die Beats und das tieferdige Albhorn mit weißem Nebel vermischt zusammenflossen, wurde es kurz tanzbar. Wie ein DJ springt Marci nun hoch zugleich beginnt das Publikum zu klatschen. Jetzt hat er sie, die swingen auf den vielen Wellenlängen des inspirierenden Klangprojekts. Als Kind habe er am Lauf der Loisach gespielt und er habe nichts vermisst und dann bläst er wieder in sein 5 Meter langes Albhorn. Es klingt strudeld, wie ein Elefant, der sich in der Hitze mit dem Rüssel Wasser auf den Körper sprüht, tief und erfrischend zugleich. Dann kommt die nächste Urgewalt hinzu als ob sie aus Musik entstanden sei. Die bayrische Sprache: Middawald, hört sich aus einer bayrischen Kehle so anders an als Mittenwald. Einfache urwüchsige Sätze: „I mog a Kasbrot, er mog a Wurstbrot- Drom in Middawald, eine heitere Wanderung nur ausgedückt durch die Brotzeitwünsche der beiden wandernden Freunde, genial. Engler vermag es durch wenig viel zu sagen und auf magische Weise verschmilzt die Form der Sage bei ihm zu einer grundständigen Stütze der Worte. In „Heuer“ buchstabierte er die ursprüngliche Sprachschicht der Mundart auf die vielschichtigen Schwingen moderner Gitarrenmusik, durchblasen vom Rhythmus des Alphorns. Gott sagt zu einem durch Sorgen schlaflosen Jungen. „Du machs heuer mol guat“ und so hat er dem großen Bestrafer der vormodernen Zeichen das Wort der Gegenwart eingehaut und dem Publikum den Beat der irgendwann die Beine braucht. Ehrlich und gerade wolle er sein, als Schreiner in einer kleinen Firma habe ihn der Obergeselle immer maltretiert. Dann sang er ein Loblied auf das Individuum und riet jedem so zu bleiben wie er sei.

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Loisach Marci sind zur Zeit sehr angesagt, sie haben eine Tour mit La Brass Banda gemacht und spielen als nächstes als Headliner donnerstags auf der Brasswiesn in Echingen bei München

Die Heimat deine Ferne

Dann führte er mit seiner Mundharmonika, die dem Alpenhorn auf ihre Art an Klangkraft nur wenig nachstand, den bayrischen Landler ein, der natürlich traditionell, oder sollen wir sagen fundamentalistisch, nicht mit der Blues-Harp gespielt wird. Trotzdem oder gerade deswegen floß Quellkraft aus dem leisen Vorspiel, der dann einsetzende Bass führte den Musik-Ethnologen dann aber wieder in moderne Tief-Druckgebiete und Immersionsbedürfnisse. Aufgetaucht brachte Engler dann eine musikalische Volkskunde der Städte, die von München über Berlin im Fragment des Gassie-Gehenden, der umspielt von extrovertierten Gitarrenriffs des nordischen Alter-Egos, an der Gitarre, in Blaubeuren angekommen sein Hundi zum Fassen anweist erfreute und überzeugte.Dann kam er auf das heute gerade in Bayern so umkämpfte Thema Heimat. Er habe auf der ganzen Welt Leute getroffen, denen das Thema Heimat sehr wichtig sei. „Fir mi is Heimat do wo guade Leid san.“ Der Song Heimat geht das um die Reise, wo er Leute trifft die anders sind und die ihm das Bild seiner Felsen wiederbringen. Und hier kommt eine neue Urgewalt in das illustre Spiel der Klanginstrumente, das Jodeln. Wie wunderbar passt doch das Jodeln zu der Ferne in Engler zum Ende des Songs seine Heimat, God vergelts, findet. Und der Text mündet, ründet und kündet eben in diesem urwüchsigen Jodeln, das darin ein Verwandter des Albhorns ist. Wold ist für ihn eine Identifikationsfläche und mit Gold, meint er das Geld, welches man als Künstler meist nicht hat und wenn man es hat, dann lebt es nicht lange.

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Das abschließende Tönen des Alphorns mit symbolischer Geste Englers weckte ein unheimliches Freiheitsgefühl

Unbandig schee

In der zweiten Hälfte als es schon dämmert bringt der Künstler das Thema Perkussion auf das Tableau. Auch hier sieht man als er nicht nur auf Becken und Kuhglocken einschlägt, sondern auch mit Drumsticks auf die Alustreben der Bühne, die er vorher erklettert, das er gerne experimentiert, das gilt auch für Abele und so ergänzen sie sich wie warm und cool. Beim Publikum merkt man in zunehmender Bewegtheit und Begeisterung auch, dass sie sich auf das Experiment einlassen wollen. Es ist ein bisschen wie bei Kraftwerk und jetzt werden gut eingehörte Töne wie die Anfangstöne von „Also Sprach Zarathustra“ ins Keyboard „eingetippt“ und die Pegel der Bässe werden erhöht. Dann nimmt Marci wieder sein Hausinstrument die Trompete und im weichen Rot der Bühnennebel schmiegen sich seine Töne an das hohe und schillernde Vibrato, wie in einer Hammerschmiede fällt der Bass ein. In der Pause hatte ein älterer Gast den Bass als brutal gerügt, in dieser Sequenz möchte man zustimmen. Jetzt sind die Qualitäten alle zusammen: und durch das Microfon Marcis klingt: „Der Herrgott is a guada Mann, der schaut sich den von Oben an.“Und wie als ob sie sich als die großartigsten aller Elemente in dieser alchimischen Werkstatt auch in voller Eingetauchtheit zeigen wollten, brechen die Menschenteilchen langsam von der Bühne ab und begeben sich vor zum Tanze. Das es diese Band erst seit 2 ½ Jahren zusammenspielt mag manche verwundern, doch dieser Jam, hat auch nicht viel mit vorkonzertierter vorgegebener Musik zu tun. Es ist ein Jam, die Säulen darin sind seine Bekenntnisslieder für die Flüchtlinge und gegen Seehofer, es ist aber genauso schön, wenn die Säulen wanken und die Musik durch die Ruinen fließt wie in Pompej, wenn die Grenzen fallen und man trotzdem Gemeinschaft empfindet. „Wenn der Tag sich langsam verneigt, so beisammen sagt keiner er geht jetzt heim.“ Ungefähr bei diesen Zeilen, sah man bisher ungesehenes am Blautopf. Die Leute fassten sich bei den Händen und bildeten eine Kette. „I schau die o und du schaust mi o ond dazwischen is etwas was man net erklärn ko.“ Loisach Marci: Ein Wildbach mit Tiefgang, unbandig scheee.

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Schon auf der Tanzfläche mussten die begeisterten Zuhörer zu den Standing Ovations gar nicht mehr aufstehen, hingesetzt hat sich zumindest niemand
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Author: farounfirewater

Ich bin der singende tanzende Aufwind der neuen Welt

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