Führt heimatlose Pädagogik nach rechts?

Veranstaltung über Rechtsrock und Deutschrock informierte und zeigte Missstände auf

 

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An diesem Text zum Thema Heimat von Herbert Grönemeyer zeigte Cord Detten, das ein Satz aus dem Text zitiert bei einem anderen Interpreten als Rechts interpretiert würde

Micha Schradi und das Cafe Vier hatten zwei Experten zum Thema Jugendkultur und Demokratie eingeladen. Zum Einen Cord Dette, den Sozialarbeiter, der selber seine Jugend in Jugendzentren verbracht hat und noch heute in einer Punkband spielt. Zum anderen Angelika Vogt vom Demokratiezentrum, deren Aufgabe es Bürger und Institutionen zu unterstützen, wenn demokratiefeindliche Strömungen in ihrer Umgebung auftreten.Dette ging in seinem Vortrag gleich in die Vollen und schickte- außer seiner Bekenntnis seit 14 Sex,Drugs und Rock´n´Roll studiert zu haben-voraus, dass wir eine grottenschlechte Diskussionskultur hätten. Man glaube sofort was Zeitung oder Peergroup sagte. Dabei sollte man erst den Anderen, und das heiße auch den vermeindlichen Nazis, zuhören. Wenn seine Jugendlichen fasziniert von rechtsradikalen Bands erzählten, dann höre er ihnen auch zu, auch wenn er als Person die Texte der Bands für Schwachsinn empfinde. „Ich glaube an die Kraft der Demokratie, schlicht weil wir in einer anderen Staatsform gar nicht hier sein könnten um zu diskutieren“, meinte der gepiercte Mann mit einem Fussballshirt mit seinem Vornamen darauf. Eines habe er in seiner Arbeit gelernt: „Nur weil ich etwas nicht gut finde, heißt das nicht, dass ich recht habe. Ich glaube auch das die Mitglieder der Bands auf dem als rechts beleumundeten Festival auf dem Laichinger Flugplatz sich auch als Demokraten sehen; da gibt es aber eben ein großes Spektrum an Meinungen in der Demokratie.

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Klaus Farin, der Gründer des Archivs der Jugendkulturen hat sowohl über die Fans der Böhsen Onkelz als auch über Freiwild Bücher geschrieben

Grauzone: Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen linker und rechter Rockmusik

Dann holte der gelernte Germanist und Soziologe ein Zitat hervor, dass ihm ganz wichtig sei und eine klare Unterscheidung zwischen Fakten und Meinungen umreiße:

„Nur Aussagen über Tatsachen sind entweder richtig oder falsch, nur hier kann man die Wahrheit suchen, finden und verteidigen. […] Dann gibt es auch Äußerungen, die weder richtig noch falsch sein können, bei denen es töricht ist, die Wahrheit zu suchen, und schädlich, sie zu verteidigen.Das sind Meinungen.“(Kitz, Volker(2018) Meinungsfreiheit -Demokratie für Fortgeschrittene)

Schnell werde in Diskussionen aus einem „Es könnte sein“, ein „Es ist so“ und diese Verkürzungen verhinderten eine direkte und mit den Anderen verbundene Vorgehensweise bei der Meinungsbildung. Er persönlich leite die Jugendkultur auch nicht von der Demokratie ab, wo es strengere Regeln gebe, sondern von der Kunst, die in Deutschland viel dürfe. Bei der Beschäftigung mit „Beat Down“ Musik, die extrem frauenfeindlich sei und auch das schlägereiartige Pogotanzen vor den Bühnen kultiviere. Seien ihm zwei Dinge klar geworden a) die Jugendlichen holen in der Musik und dem Szenehabitus eigene Entwicklungsschritte nach. Hier zum Beispiel keine männlichen Vorbilder gehabt zu haben und nun männlich nachzureifen. B) das es oft einen großen Unterschied zwischen dem Denken der Bands und ihren Texten gebe.

Ist Utopie besser als Agonie?

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Gemeinsam seien rechter und linker Szene, dass die Musiker eine Utopie hätten. Die Rechten wollten dabei zurück in eine gute alte Zeit, die linken wollen eine andere Welt, welche die alte überwunden habe. Deutschrock und Rechtsrock hätten die Themen Freundschaft und Schickssalsschläge gemeinsam, beim Rechtsrock kämen noch die Themen weiße Rasse, Treue und Ehre dazu.Ebenso wie die Linken seinen die Rechten gegen strukturell starke Gruppen, mit dem Unterschied, das die linken strukturell schwache Gruppen unterstützten(Arbeitslose, Schwule, Behinderte), die Rechten die strukturell Schwachen Gruppen aber zum Feindbild machten(Schwule, Flüchtlinge, Punks).Im Rechtsrock gebe es ein geschlossenes Weltbild in das sich auch Bandname, Logo und Bühnenagitation den Frontmannes einbetteten. Echte Punkbands wie Slime würden nie auf Rechtsrockfestivals spielen, zwischen Deutschrock und Rechtsrock gebe es aber eine Grauzone.Cord fand das aber ok, sofern die Bands nicht in Rekurs auf das Naziregime offen die Institutionen der Demokratie anfeindeten. Da die Art der Musik, z.B im Oi-Punk sehr wichtig wäre, gäbe es auf seiten der Fans, auch solche die rechte Oi-Musik, genauso wie linken Oi-Punk hörten. In einer Grauzone sei es eine gute Methode sich die Bands anzuschauen, die mit auf dem Label der fragwürdigen Band Platten veröffentlichen.

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Das Thema Freiwild

Bei Freiwild läge der Fall für ihn klar, jeder habe ein Recht auf eine Vergangenheit, er selber sei auch nicht stolz auf alle Texte die er mit 16 geschrieben habe. Zwei Mitglieder der tiroler Band Freiwild seien früher Mitglieder der offen rechtsradikalen Band Kaiserjäger gewesen. Sie hätten aber auch ganz klar gesagt: „Das ist nicht mehr unser Ding“. Genau diese Kehrtwende müsse man eigentlich für Arbeit mit Jugendlichen nutzen, so der Punkrocker. Klaus Farin der das Archiv der Jugendkulturen gegründet hat habe ein Buch geschrieben, welches die Position von Freiwild gut zusammenfasse: „Tirols konservative Antifaschisten.“ Darauf folgt ein Zuruf aus dem Publikum: „Des send die Nachfolger vom Andreas Hofer“. Das spielte auf die oftmalige Erwähnung Tirols und seiner als ungerecht empfundenen Segregation von Südtirol in Freiwildtexten an. In jedem Volksrockkonzert dorfein dorfaus, darf das Tiroler Lied nicht fehlen, Cord meint dazu, ich mag solche Musik nicht, deswegen muss ich aber nichts dagegen tun. Man könnte aber auch diese Trennung wie die Kehrtwende von Freiwild Sänger Philipp Burger für die pädagogische Arbeit verwenden.

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Danke den offenen Christen vom Haus der Hoffnung für ihre wortmächtigen Aushänge

Auf der Suche nach der verlorenen Heimat

Cord Detten, erzählte nun von seinen Jugendlichen auf der Schwäbischen Alb bei Herrenberg. Es gehe bei ihnen viel um Heimat, sie seien gern in ihrem dörflichen Verein und und ihren Bauwagen. Sie fänden sich eingezwängt, weil sie ihre Heimatliebe in Deutschland nicht äußern dürften. Und da gibt Cord Detten zu, das Thema Heimat zu besetzen habe die Jugendarbeit nicht geschafft. Freiwild sei keine Rechtsrockband, was er an dem Text von Sleipnir zeigt. Auch wenn er davor warnt einzelne Textpassagen herbeizuziehen, das schaffe ein anderes Bild, so passt eine Passage aus dem Freiwildlied Wahre Werte doch gut um zu zeigen das Freiwild hier ein Stück Heimatliebe vor macht, welche die linken Pädagogen vergessen hatten.

Unser Land war begehrt,

umkämpft und umstritten

Patriotismus heißt Heimatliebe.

Respekt vor dem Land und

Verachtung der Kriege

 

In der Tat wurde Tirol, ähnlich wie die Länder im Nahen-Osten, nach dem ersten Weltkrieg, zum Spielball von Großmächten, die ohne Rücksicht auf die historische Gewachsenheit des Landes Grenzen zogen und durch diese organische Zusammenhänge durchtrennten. Georg Oliviera vom Bündnis gegen Rechts in Ulm machte auf das Label der Krawallbrüder aufmerksam und das dort Bands mit menschenverachtenden Texten seien. Deshalb gehe er zu der Demo gegen das Konzert am 14.07 in Laichingen. Einer aus dem Publikum schrie: Gehen wir doch zur Demo und zu dem Konzert. Die rotgekleidete Leiterin der Volkshochschule Laichingen-Schelklingen-Blaubeuren stimmte dem Sozialarbeiter zu: „Das Thema Heimat haben wir schlecht besetzt, auch die Geschichte zu Israel haben wir noch nicht aufgearbeitet.“ Ein Mann im Publikum fragte nach dem Vortrag warum wir die Musik nicht mal angehört hätten. Darauf meinte Cord Detten, es sei für einen demokratischen Diskurs so besser, denn die Musik sei meist wichtiger als der Text. Sie sei das eigentliche Einfallstor, Rock´n´Roll wecke Emotionen. Dazu kämen die Klamotten, die Rituale, und das ganze subkulturelle Drum-Rum. Die Leute die hernach in der Diskussion ihre Angst um die Intelligenz der Bands die ihrer Meinung nach unbehelligt in der Grauzone agierten äußerten, machte einem einen guten Eindruck von der skeptischen und wachsamen Demokratie. Cord machte aus seiner Warte nochmals klar, das sich da junge Leute hinstellten und sagten sie wollen etwas anders machen, es würden reihenweise Jugendzentren geschlossen, warum solle man mit denen nicht in ein zuhörendes Gespräch kommen? Eines war bemerkenswert, die Jugendbewegungen eint die Ehrung der Freundschaft und die Utopie einer anderen Welt. Die Liebe zur Heimat als feststehender Ort begriffen dürfte in globalisierten Zeiten nicht reichen. Weil er mich gerade ganz durchdringt bin ich so anmaßend, inspiriert von einem Soziologen der eine Utopie hat, diesen kleinen Text von Ernst Bloch hinzuzustellen:

 

Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfaßt und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.”

(Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung, S.1628)

 

Links:

Freiwild “Wahre Werte” Songtext:

http://songs.frei-wild.net/song/wahre-werte

Klaus Farin Forscher der Jugendkulturen:

http://klausfarin.de/

Link zum Deutschrock-Festival in Laichingen:

http://www.rock-dein-leben.de/

Die Demonstration unter dem Motto Miteinander statt Gegeneinander- Respekt statt Hetze  gegen das Rock-Dein-Leben-Festival eine Woche später auf dem Laichinger Flugplatzgelände findet am

14.Juli um 14 Uhr auf dem Laichinger Marktplatz statt

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Author: farounfirewater

Ich bin der singende tanzende Aufwind der neuen Welt

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