Hölderlin zuhören

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Es ist Sonntag in Seißen, Distriktgottesdienst zu 175.Geburtstag Hölderlins, die Liste der Besucher aus anderen Flecken in der Nikolauskirche ist lang. Verlesen tut sie Pfarrer Jochen Schäffler. Auch aus dem etwas größeren Wirkungsort des urdeutschen Dichters Tübingen, ist mindestens einer gekommen. Pfarrer wollte Hölderlin niemals werden, trotz Philosophie und Theologiestudiums. Aber an dem Rundbogen aus in Miniaturfläschchen behausten Wiesenblumen und Rosen hätte er vermutlich seine Freude gehabt. Die sind zwar noch von der vergangenen Hochzeit, Hölderlin ist unverheiratet geblieben. Aber auch ihn ihm haben zumindest die Reime Hochzeit gehalten. Als ob er den frühlinglichen Rundbogen im Auge gehabt hätte heißt es da in der zweiten Strophe des frühen Hölderlingedichtes „Der Gott der Jugend“:

 

Wird da wo sich im Schönen das Göttliche verhüllt,

noch oft das tiefe Sehnen der Liebe dir gestillt,

belohnt des Herzens Mühen

Der Ruhe Vorgefühl,

Und tönt von Melodien

der Seele Saitenspiel

Der frühe Hölderlin steht im Fokus

Leute vom Liederkranz Seißen umrahmen das geraffte Lebensbild aus Gedanken und Versen Hölderlins mit Liedern von Friedrich Silcher der seit 1817 als Musikdirektor der Eberhardt Karls Universität Tübingen im Tübinger Stift unweit vom Hölderlinturm ,wo der Dichter seit 1806, von Ernst Zimmer versorgt wurde wirkte.Hölderlin ist 1770 geboren und die meisten der Gedanken, die hier vorgetragen werden, kommen aus den Jahren vor 1800.Der zweite Teil seines Lebens, den man meist als “Umnachtung im Turm” bezeichnet, begann 1806 und endete 1843. Der zweite Teil eines weiteren frühen Gedichts namens „An eine Rose“ entfaltet ,an dem mystischen Objekt ,den tieferen Blick auf die Dinge einerseits ,und das „Ewige“ andererseits:

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“Der vorübereilende Gruß auch scheint von Freunden, es scheint jegliche Miene verwandt…”(Christian Friedrich Hölderlin) “Heimkunft”

 

Röschen! unser Schmuck veraltet,
Stürm entblättern dich und mich,
Doch der ewge Keim entfaltet
Bald zu neuer Blüte sich.

 

In dem, zwei Jahre früher als „An eine Rose“ am 14.02.1791 verfassten Brief, den Hölderlin an seine Mutter schrieb, leuchtet ebenfalls dieser Funke auf. Ein ewiger Kern, der sich in der Eröffnung des reiferen 1803 geschrieben Gedichts „Patmos“ ausspricht:

 

Nah ist
Und schwer zu fassen der Gott.
Wo aber Gefahr ist, wächst
Das Rettende auch.

Am Ende blieb der Glaube des Herzens

Über alles Studieren und fassen wollen, der logischen Gründe des Daseins Gottes,so schreibt er seiner Mutter, sei ihm der Glaube des Herzens geblieben. Dieser lehre „Dasein der Göttlichkeit“ und „Wissen der Liebe“ so deutlich. An Neuffer schreibt er 1794 „noch altert nicht sein kindisch Herz.“ Als ich Pfarrer Schäffler fragte ob Hölderlin den Christ gewesen sei?, meint er im Brustton der Anerkennung: „Nein, aber er war zumindest ein Leben lang auf der Suche.” Im Hyperion, schreibt Hölderlin:

 

Religion ist Liebe der Schönheit.

 

Der Satz hat dem humanistischen Chorleiter Volker Hausen am Besten gefallen.In einem Brief an seine Schwester im Jahre 1800, als Hölderlin offensichtlich schon viel zu leiden hatte, schreibt er, dass sein Glaube durch das Leid gestärkt worden sei. Auch im Leide spüre er „Zurufe des Heiligtums in der Seele.“ Es ist wohl ein feiner Unterschied zwischen dem die Begierde befriedigenden konsumieren der Schönheit und der heiligen Scheu des Dichters vor der Schönheit, die über sich hinaus auf das Wahre und Gute hinweist. So wie es Hölderlin in der 6. Strophe von „Heimkunft(1802) schreibt:

 

Wenn wir segnen das Mahl, wen darf ich nennen, und wenn wir ruhn vom Leben des Tags, saget, wie bring ich den Dank? Nenn ich den Hohen dabei? Unschickliches liebet ein Gott nicht, ihn zu fassen, ist fast unsere Freude zu klein…“ Dazu passend schreibt Hölderlin den Beginn seiner Hymne Patmos im gleichen Jahr noch um, jetzt heißt es:

 

Voll Güt ist, keiner aber

fasset allein Gott.

Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch

 

Die Gefahr trägt mit dem Philosophen Heidegger in der Erkenntnis ihres nach Innen gekehrten Wesens schon den Umschwung zu ihrer Wendung in ein “erleuchtetes” Bewusstsein und zu einer Umkehr im Handeln in sich.

 

Das Lebendige ist von Anbeginn aller Ewigkeit stärker als der Tod ist

 

In seiner Predigt, erwägt Jochen Schäffler, der auch Germanist ist, das Spannungsverhältnis zwischen dem Satz Hölderlins in Patmos „Nah ist / Und schwer zu fassen der Gott. Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch.“ Und dem in Reimform übersetzen Satz aus Jeremia, 23,23: „Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der Herr, und nicht auch ein Gott von ferne her?“ Sein Fazit war, das Hölderlin beim Studium im Tübinger Stift, Schäffler studierte auch dort, erkannt habe, das der Schlüssel zur „Nähe-Ferne“ Gottes die Ewigkeit sei. Nah ist der Gott, weil die Präsenz der unzeitlichen Instanz im klaren Bewusstsein immer da ist. Schwer zu fassen hingegen, da gerade die eigenen Standpunkte, Gedanken und Vorurteile das Licht der Ewigkeit zu überblenden neigen.In einem Brief den sein Betreuer Ernst Zimmer 1812 an Hölderlin schreibt, berichtet der Schreiner, Hölderlin habe ihm spontan folgende Verse gedichtet:

 

Die Linien des Lebens sind Verschiedenen

Wie Wege sind, und wie der Berge Gränzen.

Was Hir wir sind, kann dort ein Gott ergänzen

Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden

 

Als der italienische Komponist Luigi Nono gefragt worden ist, wer oder was er hätte sein mögen?

Da sagte er:

„Der Tübinger Turm, um Hölderlin zuzuhören.“

 

 

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Author: farounfirewater

Ich bin der singende tanzende Aufwind der neuen Welt

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