Auf der Kutsche zum Weltkulturerbe

DSC01321Es ist ein schöner Tag und während ich von der Anhöhe des Parkplatzes an der Abzweigung nach Sonderbuch hinab nach Blaubeuren laufe, sehe ich in frischem Gelb eines jener zahlreichen guterhaltenen Fachwerkhäuser der romantischen Stadt. Ein paar hundert Meter weiter begegnet mir wieder das Ulmer Lilienfries am ehemaligen Klosterkeller, unterhalb dessen eine blaue Tafel mit einem Hufeisen gesäumt von Pfeilen. Als ich Richtung Blautopf einbiege, sehe ich schon eine Menschentraube in Wartehaltung. Dann fahren die zwei Pferdegespanne mit ihrem beruhigenden Schritttakt langsam ein. Unser Ausflug geht zu zwei Höhlen des Weltkulturerbes(Geißenklösterle und Hohle Fels), vorbei am Blaubeurer Ried und dem Rusenschloss. Engelbert, der Rheinländer, hat die Fahrt von den überwiegend in Reutlingen wohnenden Leuten geschenkt bekommen. Die Reutlinger setzen sich auf das erste Gespann,  Claudia Stark ist hier die Kutscherin. Auf dem anderen Pferdewagen fährt die Gründerin des Gastgebers Rossnatour  Christel Erz, an Bord sind eigentlich nur Alexander, der selber Kutsche fährt, seine beschenkte Mutter und ich. Hier ziehen zwei braune Schwarzwälder namens Memory und Leopold  den Wagen. Iris Bohnacker ist heute unsere Führerin, was die Hintergründe der Sehenswürdigkeiten betrifft. Unsere Augen stehen noch ganz im Türkisgrün des Blautopfes. 22 Meter Tiefe, so klärt sie uns auf, machen dieses träumerische Grün. Wasser filtere die Lichtfrequenzen  Rot und Gelb heraus und so gebe es diesen einleuchtenden Effekt, der durch den hohen Kalkgehalt des Albwassers noch verstärkt werde. Alexander fasst es so zusammen: “Wenn ihr auf der Alb pisst kommts hier unten raus.” Und tatsächlich an den augenschmeichelnden Trichter des Topfes schließt sich ein ausgedehntes System unterirdischer Höhlen an, von dem bisher sage und schreibe 13 Kilometer erforscht sind. Die Urdonau hat sich zu Urzeiten in solche Tiefen gefressen. Wir sind gerade auf dem Weg zum Blaubeurer Ried, ebenfalls ein monumentales Überbleibsel des Hungers dieses doch längst versiegten Flusses.

Auf dem Weg zum Geißenklösterle

Am Stadtrand von Blaubeuren, nahe des Hahn-Gymnasiums winken uns Camper, die mit ihren Campingstühlen teils neben ganzen privatisierten Omnibussen sitzen. Bald begleitet die heiter fließende Blau unsere Fahrt. Die Braunen laufen Schrittgeschindigkeit, das ist die langsamste Pferdegehweise neben Trab und Galopp. Claudia meint, dass sei die beste Geschwindigkeit für den Menschen um alles mitzubekommen und tatsächlich ist es beruhigend und anregend zugleich.  Iris holt Flusskiesel raus und fragt woher  die sein könnten. “Von der Blau”, meint Alexander´s Mutter. Nein. Die sind von der Höhe der anderen Uferseite. Dort floß vor 150000 Jahren die Urdonau und hat das ganze Blautal, dass wir hier befahren, ausgefräst. Eine beeindruckende Vorstellung das ein Fluss so ein ausgedehntes Tal erschaffen hat. Dort oben sieht man auch das Rusenschloß, oder Hohen Gerhausen.  Hier fand man Knochen von Neandertalern, die circa 50000 vor Christus lebten und von Steinböcken. Nach dem Tal, dessen Wiesen in voller Frühlingsblüte stehen, wechselt die Expertin den Wagen. Dann streifen wir das Blaubeurer Industriegebiet, die Vorbeifahrt am Aldi kommentiert Alexander:  “Und so ernährt sich der Homo Sapiens heute.”Gerade im Industriegebiet merkte man die scharfsinnige Kulturkritik der Mitfahrer am deutlichsten. Wir sind auf dem Weg zum vier Kilometer vom Blautopf entfernten Geißenklösterle, wo die ältesten Musikinstrumente der Welt gefunden wurden. Während mir Christel erklärt wie die verschiedenen Teile des Gespannes heißen, deutet sie plötzlich auf ein Holzkreuz rechts von den Eisenbahnschienen. “Hier hat sich Adolf Merkle das Leben genommen”, meint sie. “Memento Mori”, denke ich etwas schockiert – gedenke der Sterblichkeit. Nach ein paar weiteren Minuten in dem angenehmen Fahrtwind entlang von Kräuterwiesen, machen wir Halt bei einer stattlichen Linde, links davon erhebt sich der Steilhang der zum Geißenklösterle führt.Die Wagen mischen sich wieder. Eine Frau sagt auf halben Weg zu der Höhle, “Ich dachte wir sind vier Stunden lang auf dem Wagen, von Steilklettern wusste ich nichts.” Hier im Geißenklösterle wurden mit der Elfenbeinflöte und den kleineren Flöten aus Vogelknochen die ältesten Musikinstrumente der Welt gefunden. Die Senkbleie, die man durch die Sicherungsgitter sieht, sind für Archäologen bei der Ausgrabung essentiell wichtig da ein Fundstück nur wirklich zum Sprechen gebracht werden kann, wenn man weiß, neben was und in welcher Schicht es liegt. Die Flöten stammen aus dem Aurenatien, das zwischen 35000 bis 40000 vor Christus angesetzt ist.Vom Geißenklösterle in Blaubeuren bis zum Ziel unserer Reise dem Hohle Fels in Schelklingen sind es nun noch vier Kilometer. Als der Vorderwagen schon etwas weggezogen ist, sieht man die geselligen Insassen ihr nächstes Bier bestoßen.

Vom Geißenklösterle zum Hohle Fels

Die Pferde die uns so treu befördern sind echte Arbeitspferde, genauer gesagt Schwarzwälder, kleine Kaltblüter. Alexander der selber Schwarzwälder halt meint: “Pferde laufen in der Natur auch, es gibt nichts Schlimmeres für ein Pferd als rumzustehen.” Claudia, die Kutscherin des Vorderwagens meint danach: “Bei einer Tagestour brauchen die Pferde schon eine Pause, wo sie Essen und Trinken können.” Über das Gespräch kommen wir schneller beim “Hohle Fels” an, als wir dachten. Dies mal sind alle motiviert,vielleicht  weil Iris eine große Höhlenhalle angekündigt hat. Ein Waldorfschüler hilft Iris die massive Stahltür zu öffnen. Kommentar: “Kaum gerade schreiben können aber uns die Tür öffnen wollen.” Zuerst dürfen die Kinder unter Ivonnes Aufsicht allein in die Höhle, ohne Licht…Nach einer Zeit kommt das erste Mädchen heraus: “Uns haben Fledermäuse angekackt.” Dann brüllt die zweite dramatisch: “Da kommt ihr nie wieder raus.” Die Höhlenhalle des Hohlen Fels ist mit 500 qm Fläche und 30 Metern Höhe die größte der Schwäbischen Alb. Der vortreffliche Klangkörper der Höhle wird natürlich gerne für Höhlenkonzerte genutzt. Der imposante Hohlraum entstand eins durch sich kreuzende Wasserströme. Die Höhlentropfsteine fehlen allerdingst, die haben sich die Herren vom Alten Schloss in Stuttgart laut Iris für Wandverkleidungen dort kommen lassen. Als die Höhle entstand gab es das jetzige Tal noch nicht. Nur weil der Hohle Fels höher liegt, fleißt in ihm nicht wie im Blautopfhöhlensystem Wasser. Die wichtigen Funde wurden aber nicht in der Höhle, sondern in der vorderen Höhle gemacht, hier liegen Sandsäcke auf verscheidenen Höhenniveaus, welche die unterschiedlichen Fundzeitalter bezeichnen. Das Gravettien 20000 vor Christus, das Magdalenien 30000 vor Christus und das Aurenatien 40000 vor Christus. Die Begriffe sind französisch auszusprechen. Die sechs Zentimeter hohe Venus vom Hohle Fels wird auf 35000 bis 40000 Jahre geschätzt. Als Iris eine Nachbildung von der opulenten Frauen-Figur rumgibt, meint eine andere Frau lachend: “Aufs Wesentliche reduziert”, die Venus hat original keinen Kopf aber einen Anhänger auf der Höhe des Kopfes, das gibt Rätsel auf.Unter der Gruppe kommt eine richtige Fährtensuche auf. Ihre Brüste sind auffällig straff. Vieleicht ein Fruchtbarkeitssymbol, meint eine Frau. Iris meint auch die Venus könne aufgrund der auf dem Bauch deutenden, fein gewirkten Händen auch eine Art Geburtshelferin sein.Iris gefällt aber ein weiterer Fund von hier noch besser. Eine Art Werkzeug zur Herstellung von Seilen vermutet sie, sie ist von der Komplexität des Verfahrens der Seilproduktion ganz angetan.Es bleiben einige Fragen unbeantwortet.

DSC01284
Die weißen Schichten am Höhlendach nennt man Mondmilch, tut man sie ins Glas sieht es aus wie Wasser mit Uoso.

Nach dem verletzungsfreien Abstieg wurde im ersten Wagen eine neue Stufe der Partyrakete gezündet. Das eindrücklichste Zeichen eine große Flasche Geldermann Rose.´ Jetzt machte ich erst Bekanntschaft mit den Pferden des vorderen Wagens rechts Lee Brown, nach einem Frauenhelden benannt, und links Rosalie. Manchmal machen die starken Zugpferde 3-4 Touren in der Woche manchmal nur eine verrät Kutscherin Claudia. Die beiden trainieren aber darüber hinaus noch als Waldarbeiter. Solche Touren können die Tiere nicht fahren wenn sie nicht trainiert sind. Der Werbespruch von Rossnatour stimmt wirklich. “Weil der Hufschlag den Herzschlag verändert.” Der Takt den die Vierbeiner vorgeben harmonisiert, das ganze Gefüge auf dem Planwagen. Auch wenn wir in Blaubeuren auf der normalen Straße einiges an Entspanntheit einbüßen, so entschädigen die winkenden Leute doch für einiges. Vorbei am bekletterten Klötztle Blei und am Krankenhausparkplatz. Kommentar: “Die Farbe gab´s günstiger”, vor der Tempo Dreißig Bemalung auf der Straße Richtung Kloster scheuen die Braunen, dann kommen sie aber schnell wieder in ihren Huftakt zurück.Die kleine Lena springt vor wir ankommen noch raus um einen Handstand zu machen. Und zu guter letzt erfahre ich unter Aufbietung aller journalistischer Rafinesse, das der Waldorfschüler Giacomo Leopardi heißt. Ein lustiger Haufen löst sich auf und ich freue mich schon auf das Riesenradischen, welches mir zum abendlichen Fastenbrechen mit auf den Weg gegeben worden ist.

Advertisements

Author: farounfirewater

Ich bin der singende tanzende Aufwind der neuen Welt

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s