Lesung: Kindersorgen

 

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Neben seinem Erstlingswert Burnout-Kids hat Michael Schulte-Markwort auch noch das Buch Superkids Warum der Erziehungsehrgeiz unsere Familien unglücklich macht geschrieben

Eine vorbildliche Kooperation der beiden großen christlichen Kirchen  sowie der Volkshochschule Laichingen-Blaubeuren-Schelklingen machte den hochkarätigen Vortrag eines bekannten hamburger Kinderpsychologen im Johannes Montinihaus in Blaubeuren möglich. Frau Rösch Both von der Volkshochschule gab in ihrer Einführung  in die Vita von Martin Schulte Markwort einen Eindruck von dem vielfältigen Engagement des heute, als Autor des Buches “Kindersorgen Was unsere Kinder belastet und wie wir ihnen helfen können” , daraus lesenden Mannes.

 

Der schlacksige Mitsechziger ist neben seiner Tätigkeit als Kinderpsychologe auch Ausbilder für Psychologen und Manager, die Angabe von Rösch Both er hielte 400 Vorträge im Jahr dementierte er allerdings. Vielmehr spreche er täglich mit Kindern und habe in den letzten 25 Jahren schon 30000 Kinder gesehen, das mache ihn gelassen. Gelassenheit in der Erziehung  war die erste Botschaft des einem größeren Publikum über sein erstes Buch “Burn-Out-Kids Wie das Prinzip Leistung  unsere Kinder überfordert” bekannt gewordenen Autors. Er hätte damals schon gezögert ein Buch mit einem derart populistischen Titel zu veröffentlichen, hätte sich dann aber vom Knaur-Verlag überreden lassen. Aus schlechtem Gewissen habe er später das Buch “Superkids” geschrieben, dieses sei sein Ladenhüter, da die Leute etwas negatives lieber lesen wollen als ein positives Buch. Allgemein fasste er seine Erfahrungen als Kindertherapeut trotzdem folgendermaßen zusammen: “Ich finde die Kinder sind immer besser geworden, die Gespräche von heute konnte ich vor 25 Jahren nicht führen”. Seine Erfahrung mit den  Eltern in den letzten Jahren sei: “Viele Kinder wollen selber nicht mehr über ihre Kindheit berichten”. Seine Aufgabe, so seine letzte Vorbemerkungm bevor er in die einstündige Lesung aus “Kindersorgen”  einstieg sei, zwischen Kindern und Eltern zu dolmetschen, so dass beide sich besser zu verstehen lernten.

Whatsapp-Therapie statt defizitorientierte Kulturkritik 

Smartphones seien das Reizthema Nummer eins bei Familien mit Kindern über 10 Jahren. Lea sei von ihren Eltern zu ihm geschickt worden. Sie erzählte, dass alle ihre Freundinnen auf  Facebook und Snapchat seien und es heutzutage eh das Schlimmste sei abgeschlossen zu sein und nichts mitzukriegen. Ihre Mutter macht sich sorgen, weil es bei Lea keine Sekunde ohne Handy gebe und dass Lea mediensüchtig sei. Lea so berichtet Schulte-Markwort, lächelte triumphierend, als er ihr bescheinigte körperlich und psychisch vollkommen gesund zu sein. Er stelle sich ganz vehement gegen die smartphonefeindlichen Meinungen seiner Kollegen Thomasius und Spitzer. Wenn vor drei Wochen durch die Zeitungen ging das 300000 Kinder in Deutschland medienabhängig sind, so verschwiegen diese Meldungen, dass 96,5 Prozent der Kinder nicht medienabhängig seien. Er wolle die Kinder da abholen wo sie sind und mache selber Therapien mit Kindern per Whatsapp. Es werde an der Uni in Hamburg gerade eine App namens “Mysoul”, wo psychisch kranke Kinder ihre Befindlichheiten eingeben könnten, wenn ein Kind beispielsweise in den “Depressionsthermometer” rein schreibe es wolle nicht mehr leben, dann werde die die Uniklinik in Hamburg Eppendorf, wo er arbeite, informiert.

 

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Michael Schulte-Markwort war bei seiner Lesung anzumerken, dass er sich gut in Situation und Sprache seiner kleinen wie großen Klienten einzufühlen weiß. Er ist tiefenpsychologischer Psychotherapeut und arbeitet auch mit der Technik des Psychodrama, seine Frau ist Psychoanalytikerin

 

Pubertät als Zeit der Entwicklung von Autonomie im Kind

Beim Thema Pubertät erzählt er die Geschichte von Rubi deren Eltern, wie viele Eltern in dieser Phase berichteten ihre Tochter käme nicht mehr zum Essen, würde immer aggressiver und käme erst in der Frühe nach Hause. Rubi hingegen sagt: “Meine Eltern sind Kontrolleties bis zum abwinken, ihr Verhalten ätzt mich an.” Viele Eltern sähen in ihren pubertierenden Schützlingen immer noch das kleine Kind, eröffnete Schulte- Markwort. Dabei sei Loslassen notwendig , damit sich im Kind Autonomie entwickeln könne. Sprüche wie “ihr seit peinlich” seien da um Abstand zu gewinnen. ” Man solle die Kinder solange weggehen lassen, wie der Spaß anhält. Dann verlören die Kinder ihren Grund übermäßig lange weg zu bleiben. Die Eltern sollten sich selbst einmal fragen ob ihre Eltern in der Pubertät alles über sie gewusst hätten. Eltern sollten sich in Vertrauen üben, da Machtkämpfe mit Kindern immer nach hinten losgingen. Man müsse eine gute Beziehung zu ihnen haben, ziehen bringe nichts.  Die Fallbeispiele ließen deutlich durchblicken, dass Schulte-Markwort die Sprache der Kinder sehr gut beherrscht.

Trennung

Als Kindertherapeut sei die Frage nach den drei Wünschen an die Kinder eine zentrale Frage, so Schulte-Markwort. Corinnas erster Wunsch war, dass Mama und Papa wieder zusammenkommen. Weitere Wünsche hätte sie nicht. Im Gespräch meinte Corinnas Mutter: “Ich habe das Gefühl mein Leben geopfert zu haben um jetzt gegen eine Jüngere ausgetauscht zu werden.” Corinnas Vater hingegen äußerte er wäre mit der Neuen “so glücklich wie noch nie.” Als Schulte-Markwort beide an einen Tisch brachte sei die Atmosphäre schneidend und hasserfüllt gewesen, auch für den erfahrenen Therapeuten kaum auszuhalten. Der Frau riet er aus ihrer Liebe nicht einen Rachedämon werden zu lassen, im Interesse Corinnas, denn sonst sähe sie Corinna bald mit ihrem Vater und der Jüngeren in den Urlaub fahren. Beim Sorgerecht müssten die Väter einfach mehr zurückstecken, so seine Überzeugung. Corinna habe ihm eine Friedenstaube geschenkt.

Selbstverletzungen

Lara(13) zeigt Schulte-Markwort bei der ersten Sitzung triumphierend ihre Narben, sie war voher 1 1/2 Jahre in der Kinderpsychiatrie, wo sie aus Verzweiflung der Therapeuten entlassen wurde.Lara trägt eine schwarze verschlissene Hose, ein Oberteil mit einem Totenkopf darauf, sie hat ein Nasenpiercing und strahlt auch ohne etwa zu sagen eine unheimliche Aggression aus. Sie ist unverschämt und unverschämt schlagfertig. An dem Gespräch mit ihr zeigt der Kinderpsychotherapeut wie er arbeitet. Er bleibt erst einmal defensiv. Als er sie nur anschaut meint sie: “Schaun sie mich bloß nicht so salbungsvoll an.” Danach erzählt sie wie scheiße die Therapeuten gewesen wären und auch über ihre Mutter. Schulte-Markwort übersetzt, dass was seiner Meinung nach die Seele Lara´s eigentlich sagen wollte: ” Ich habe ein tiefes Bedürfnis nach Liebe, aber dafür ist meine Mutter die Falsche.” Durch das Zuhören ohne maßzuregeln, erklärt er, hat er nach und nach eine Eintrittskarte in Laras Seele bekommen. Sie maile ihm regelmäßig um vier Uhr nachts stoned vom Kiez, so könne sie Abstand zu der Situation gewinnen um sich da selber rauszuziehen. Solche Vertrauensverhältnisse seien gold wert, auch wenn Lara die mittlerweile 20 sei bestimmt noch fünf Jahre zu ihm kommen müsse. “Man muss sich an die seelische Form der Kinder anschmiegen”, meint er. Zum Abschluss rief er die Eltern dazu auf sich ein Bild von sich selbst zu machen um ihren Kindern  die Zukunft vorleben zu können. Man dürfe sich nich abschrecken lassen von defizitorientierten Kinderbildern,sondern müsse den Kindern in Freiheit, Toleranz und gegenseitiger Neugier begegnen. Die Seelenlandschaften der Kinder seien voller Reichtum, wenn man sich an die eigene Kindheit erinnerne, lerne man ihnen zu begegnen, dann gebe es kein Defizit. Das Buch “Kindersorgen”, sei als”psychiatisches Lehrbuch” für Eltern verfasst so der engagierte Kindertherapeut. Es macht in seiner “Anschmiegsamkeit an Kinder- und Elternseelen und in seinem Anschauungsunterricht für das Dolmetschen zwischen den Parteien Lust gelesen zu werden.

Das Buch Kindersorgen Was unsere Kinder belastet und wie wir ihnen helfen können ist für 20 Euro bei Droemer zu haben

Ab 02.05 erscheint ebenfalls eine Taschenbuchausgabe für 9,99 Euro

 

 

 

 

 

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Author: farounfirewater

Ich bin der singende tanzende Aufwind der neuen Welt

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