Herrschaft, Wind und Sehnsucht

Voll war an diesem Sommernachmittag nicht nur das evangelische Gemeindehaus, sondern offensichtlich auch der Terminkalender von Bürgermeister Klaus Kaufmann. Trotzdem kam er, sorgte aber durch eine vergessene Seite eines schwäbischen Gedichtes für mehr Aufsehen als durch seinen Bericht aus der Stadt. Die natürliche Reaktion Kaufmanns und die Aussicht, dass die Gehbehinderung der Baustelle in der Gartenstraße in etwa zweit Monaten abgeschlossen sei, stimmte die alten Laichinger versöhnlich. Vieles sei in Bewegung in Laichingen und der dickste Brocken würde gerade in Form einer Studie über den Sanierungsbedarf der Laichinger Schulen angefertigt. „Sicher ist dass wird teuer, gab Kaufmann schon einmal bekannt.“ Der methodistische Pastor Philipp Züfle beglückte das Publikum hingegen mit einer beherzten Andacht, in der er nachdenkliche Gedanken über die gegenwärtig für Deutschland geschichtlich ausnahmslos lange andauernde krieglose Zeitspanne anstellte. Zuflucht nahm der Theologe in seiner „Sprachlosigkeit“ in einem alten Liedtext, den die Laichinger Alten, zu seiner Überraschung und der Freude aller auswendig erklingen ließen.

Alt-Laichinger Sehnsuchtsorte

Auch Ottmar Steidle, der durch seine Monteurstätigkeit bei dem Stromversorgern EVS, „viel mitbekommen hat was gebaut wird“, zeigte 98 Bilder von Laichingen vor 100 Jahren und heute. Aus Erfahrung bei anderen Vorträgen vor älteren Menschen benutzte der Rentner zwei Dia-Projektoren im Dienste besserer Anschaulichkeit . Auf einem zeigte er historische laichinger Postkartenmotive, auf dem anderen gleichzeitig aktuelle Bilder der selben Straßenzüge. Kurz vor dem großen Mittelalterspektakel hinter der Kirchenmauer der Sankt Albanskirche nächstes Wochende, entführte er durch ein altes Bild,von deren Kirchturm aus fotografiert, in die Maierhöfe – und damit in die Keimzelle des alten Laichingens. Seit etwa 1000 nach Christus war der Maierbauer in Laichingen der Vorsteher der Bauern der drei zum Kloster Blaubeuren gehörenden Gemeinden Sontheim, Feldstetten und Laichingen. Er hatte das Recht mit Salz zu handeln, woher auch der Hausname Salzbauer(Sale) in den im Grundeigentum des Klosters befindlichen Gemeinden rührt.

Sumpfgebiet und Sehnsuchtsorte

Heute kaum zu glauben: Das Gebiet westlich des heutigen evangelischen Gemeindehaus war einst ein idyllisch anmutendes Sumpfgebiet mit für eine Innenstadt ausgesprochen vielen Bäumen.

Steidle ordnete das Gesehene ein: „Vom Alenberg aus, wo heute noch das Wasserhäusle steht, kam das Oberflächenwasser über die Schulstraße heruntergeflossen und sammelte sich, in den oftmals nicht zugänglichen Pfarrgärten. Nicht weniger faszinierend, ein Bildvergleich Vorher-Nachher vom Marktplatz. Eine Aufnahme aus dem Winter 1899 ist ohne Schnee: Die Hüle ist wasserlos. In diesem heißen Sommer mit regenlosem Herbst gab es in Laichingen Wasserknappheit, weiß Steidle. Auch gibt er in seinem fast eineinhalbstündigen Vortrag interessante Einblicke in die Hierarchien des alten Bauerndorfes. Die unmittelbare Nähe der Pferdehüle zur Kuhhüle, sagt nichts über die soziale Distanz von Kuh- und Pferdebauern aus. Eher die Tatsache das Pferde nicht von Kuhweiden grasen und umgekehrt. Denn die Kuhbauern durften mit den sozial höhergestellten Pferdebauern nicht auf Augenhöhe verkehren, „das hat sich erst nach dem 2. Weltkrieg gebessert“, so Steidle. In den 20er Jahren wurden beide Hülen zugeschüttet und das umstrittene Kriegerdenkmal nach dem ersten Weltkrieg auf der Höhe der Kuhhüle errichtet. „Früher hatten die Bauern ausgedehnte Selbstversorgergärten mit Obstbäumen, arme Handweber hingegen lebten dicht an dicht. Im Zuge der Industrialisierung wurden die Arbeiter in den Leinwebereien reicher als die Bauern.“

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Author: farounfirewater

Ich bin der singende tanzende Aufwind der neuen Welt

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